Prozessbeginn im Mordfall Dink - Mit Video

11. Juli 2007, 16:31
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18 Angeklagte als mutmaßliche Attentäter des türkisch-armenischen Journalisten vor Gericht - Familie Dink als Nebenkläger

Unter strengen Sicherheitsmaßnahmen und großer öffentlicher Anteilnahme hat gestern der Prozess gegen die mutmaßlichen Mörder des armenischen Publizisten und Menschenrechtlers Hrant Dink begonnen. Ein Massenaufgebot der Polizei kanalisierte Hunderte von Besucher, die fast alle T-Shirts mit einem Bild Dinks trugen, in dem Istanbuler Stadtteil Besiktas, allerdings nur bis vor das Tor des Gerichts. Aus Jugendschutzgründen – mehrere der Angeklagten sind unter 18 Jahre alt – ist die Presse aus dem Gerichtssaal ausgesperrt.

Das heißt allerdings nicht, dass der Prozess unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet. Die Witwe Dinks und seine Kinder, sind in dem Verfahren als Nebenkläger präsent, darüber hinaus die Angestellten der armenisch-türkischen Zeitung Agos, deren Herausgeber Dink war und weitere Nebenkläger, unter anderen auch der Nobelpreisträger Orhan Pamuk. Allein die Anwälte der Nebenkläger machen mehrere hundert Personen aus, die jeden Schritt des Gerichts genauestens beobachten werden.

Insgesamt wurden gestern 18 Angeklagte von einem Polizeikordon abgeschirmt dem Gericht vorgeführt, darunter auch der 17-jährige mutmaßliche Todesschütze Ogün Samast. Die Witwe von Dink, war angesichts der Angeklagten so überwältigt, dass sie von ihren Kindern gestützt und festgehalten werden musste.

Hintermänner

Die Anwältin der Familie Dink, Fetiye Cetin, erklärte, sie sei besorgt, dass am Ende des Prozesses zwar die Täter verurteilt würden, die Hintermänner des Attentats aber weiterhin im Dunkeln bleiben würden. Ein Grund für diese Befürchtung ist, dass über die Anklagen gegen die Polizisten, die sich mit dem mutmaßlichen Todesschützen nach dessen Festnahme in Siegerpose fotografieren ließen in diesem Prozess nicht entschieden wird. Die Forderung der Nebenkläger, alle gemeinsam als "Terroristische Vereinigung" anzuklagen, war von der Staatsanwaltschaft zurückgewiesen worden.

Die armenische Gemeinde bis hinauf zu Patriarch Mutafyan hatte bereits im Vorfeld mehrmals geklagt, dass die Staatsanwaltschaft nicht genug Energie darauf verwenden würde, die wahren Drahtzieher für den Mord vom 19. Januar 2007 zu ermitteln. Die Angeklagten stammen, wie der Attentäter selbst, aus der Schwarzmeerstadt Trabzon. Trabzon ist eine Hochburg der Nationalisten unter denen sich auch militante Rechtsextreme tummeln.

Viele Beobachter gehen davon aus, dass Samast und seine Mitangeklagten nur die Marionetten eines rechtsradikalen Netzwerkes sind, zu dem auch ehemalige Militärs und Polizisten gehören. Für diese Kreise sind die Minderheiten, Armenier, orthodoxe Griechen und vor allem Kurden eine Bedrohung für die Einheit des Staates gegen die es mit allen Mitteln gilt, vorzugehen. Erst kürzlich fand die Polizei auf der Web-Site einer rechtsradikalen Vereinigungen die Bauanleitung für eine Bombe, die identisch ist mit einer Bombe, die im September in Diyarbakir zehn Menschen tötete. (Jürgen Gottschlich aus Istanbul/DER STANDARD, Printausgabe, 3.7.2007)

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  • Proteste vor dem Gericht, in dem die Verhandlung gegen die mutmaßlichen Attentäter von Hrant Dink stattfand. Auf den Schildern steht "Wir alle sind Hrant Dink"
    epa/kerim okten

    Proteste vor dem Gericht, in dem die Verhandlung gegen die mutmaßlichen Attentäter von Hrant Dink stattfand. Auf den Schildern steht "Wir alle sind Hrant Dink"

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