Bier-Lügen am Grill

2. Juli 2007, 17:00
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Immer wieder liest man, dass man beim Grillen das Grillgut nicht mit Bier bespritzen soll. Warum eigentlich?

Offenbar sind einige Horror-Geschichten über das Bier nicht auszurotten – und ein paar meiner Journalistenkollegen greifen sie begierig – und ungeprüft auf. Eine ganz besonders dubiose Rolle spielen dabei die quotensüchtigen Fernsehsender, die vorurteilsbehafteten Radiomacher und leider auch die Deutsche Presseagentur dpa. Die hat sich vor einiger Zeit einreden lassen, dass eine enorme Krebsgefahr von der schönen Sitte ausgehe, bei Grillfesten das Grillgut mit Bier zu bespritzen. Was von meinen Print-Kollegen gerne weiter verbreitet wird.

Die Erklärung, die auch heuer wieder über die dpa verbreitet wurde, stellt Bier geradezu als Killersubstanz dar. So etwa wurden die Leser des Bonner General-Anzeigers unter Berufung auf die dpa gewarnt: „Beim Grillen gang und gäbe: Brutzelnde Würstchen oder Steaks werden reichlich mit Bier abgelöscht. Eine gefährliche Sitte, wenn die Flüssigkeit in die Glut tropft, warnt Antje Gahl von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) in Bonn. «Dabei entstehen polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK), die als Krebs erregend gelten», erklärt Gahl. Grund sind die unvollständig verbrennenden Bestandteile des Gerstensaftes.“

Im Vorjahr hatte dieselbe Agentur dieselbe Warnung unter Berufung auf Laura Groche von der "Verbraucherinitiative e.V.", ausgegeben – und ich habe damals nachgedacht: Wenn es so ist, dass krebserregende Stoffe entstünden, wenn man Bier auf das Fleisch träufelt, dann könnte das doch nur dadurch entstehen, dass Bier dann weiter auf die heißen Kohlen rinnt (oder auch auf elektrische Heizstäbe, dort hätte demnach Bier denselben potenziell todbringenden Effekt). Da nämlich kämen organische Stoffe aus dem Bier in Berührung mit der Hitze, verbrennen unvollständig – und schon klopft der Krebs an.

Potenzielle Krebserreger

Das aber ist schwer vorstellbar, denn an organischen Verbindungen, die potenzielle Krebserreger hervorbringen könnten, findet sich vor allem Alkohol im Bier. Und der müsste eigentlich verdampfen, oder? Also fragte ich Frau Groche, die Ernährungsreferentin bei der Verbraucherinitative ist: „Zwar ist bekannt, dass durch auf die Hitzequelle tropfende Fette, Fleischsäfte und Marinaden organisches Material zu Polyzyklischen Aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAK) umgewandelt wird. Bier dagegen enthält kaum organisches Material, das bei Hitze unvollständig verbrennen würde - der Wassergehalt liegt ja bekanntlich bei weit über 90 Prozent, die mengenmäßig zweitgrößte Komponente ist der Alkohol, gleichzeitig ist dies wohl die größte Quelle von organischem Material.

Ich kenne Ihre Versuchsanordnung nicht, aber ich frage mich, wie viel von dem Bier denn tatsächlich "verbrennt", wenn es auf die Hitzequelle (Kohlen, Grillstäbe) träufelt. Zu vermuten ist, dass die stark flüchtigen Komponenten CO2 und Alkohol zum allergrößten Teil rasch verdampfen, ohne dass da neue Verbindungen entstehen. Da blieben eigentlich nur noch die in winzigen Mengen vorhandenen Restzucker im Bier als Quelle von neu entstehenden Verbindungen - da wäre wieder die Versuchsanordnung interessant, ob hier wirklich eine Gefahr besteht.“

Frau Groches Antwort kam rasch, unbürokratisch – und war sehr beruhigend: Nein, nicht das Bier sei schuld, wenn es auf den heißen Kohlen dampft und raucht und krebsgefährlich wird. „Im Falle von Bier besteht das Risiko eher darin, dass das Getränk Fleischsäfte und Fett in die Glut spült. Die Inhaltsstoffe des Bieres selbst sind, obgleich durchaus organisch, für diesen Sachverhalt weniger wichtig.“ Nicht berücksichtigt ist übrigens der Effekt, dass die so entstehenden ungesunden PAKs mit dem Bier vielleicht von der Fleischoberfläche abgewaschen werden und den negativen Effekt wieder aufheben. Nicht berücksichtigt ist auch der positive geschmackliche Effekt (Bier macht ja durch CO2 und Alkohol einerseits, durch den Restzucker andererseits das zu grillende Fleisch tatsächlich innen zarter und außen knuspriger).

Wir lernen also, dass wir uns das gesunde Bier nicht durch Horrormeldungen verdrießen lassen sollen. Warum aber werden diese üblen Stories dann überhaupt so gerne und ungeprüft übernommen? Aus Sensationslust? Aus Verachtung für das Bier? Oder vielleicht gar, weil man alkoholische Getränke insgesamt diffamieren will? (Conrad Seidl)

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    Mit Bier begießen oder nicht?

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