Infarktvorsorge: Immunsystem stärken

5. Oktober 2007, 16:38
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Die Regulierung des Immunsystems ist laut Grazer Forschern wieder oberstes Ziel bei Herz-Kreislauf-Leiden - Gefäßregeneration durch Stammzellen oder die Zelltherapie ein Irrweg

Die Götter hintergangen, büßte Prometheus seine Strafe im Kaukasus ab. An einen Felsen gekettet musste es der Titan erleiden, dass ihm jeden Tag der Adler Ethon bei lebendigem Leibe von seiner Leber fraß - die sich zu Prometheus' Qual immer wieder erneuerte.

Solche Selbstheilungskräfte sind zwar der griechischen Mythologie vorbehalten, der menschliche Organismus bemüht sich aber auch jenseits der Sagenwelt, seine Schäden selbst zu reparieren. Was er ganz gut kann, wie die Wissenschaft heute weiß. Und Forscher kommen dem Körper auf immer neue Tricks drauf, mit denen er sich kuriert.

Vielschichtige Interaktion der Immunzellen

Jüngstes Beispiel ist die Regeneration von Blutgefäßen und damit die Erhaltung der Organdurchblutung und Organfunktion. Diese ist von Gefäßwand-Stammzellen (endothelialen Stammzellen) abhängig - aber eben nicht nur, wie ein österreichisches Wissenschafterteam in der heute erscheinenden Juli-Ausgabe des renommierten Fachjournals Stem Cells berichtet und damit bisherige Therapiekonzepte über den Haufen wirft.

Für die Selbstheilung der Gefäße verantwortliche Strukturen, die bisher als Konglomerat endothelialer Stammzellen betrachtet wurden, erwiesen sich in Untersuchungen einer Arbeitsgruppe der Medizinischen Uni Graz als etwas völlig anderes - als funktionelle Interaktion von Immunzellen: So genannte T-Zellen und Monozyten taten sich zusammen und ahmten die Funktionsweise von endothelialen Stammzellen nach.

"Der Einfluss eines vielschichtigen Immunsystems auf Organ- und Gefäßregeneration rückt damit ins Zentrum des Interesses", erklärt Studienleiter Dirk Strunk dem Standard: "Dadurch ergeben sich völlig neue Ansätze in der Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen."

Doch der Reihe nach

Seit das Potenzial der Stammzellen erkannt wurde, boomen entsprechende Forschungen damit. Immerhin: Die ethisch umstrittenen, weil nur durch die Zerstörung von Embryos zu gewinnenden embryonalen Stammzellen haben die Möglichkeit, sich in alle möglichen funktionalen Zellen des Körpers zu entwickeln - sie können Nerven-, Haut-, Muskel- und sonstige Zellen werden.

Adulte, im erwachsenen Körper vorkommende Stammzellen hingegen sind nicht mehr pluri-, sondern nur noch multi-potent, haben etliches ihres Entwicklungspotenzials eingebüßt. Sie können sich aber immer noch in viele Zelltypen entwickeln - endotheliale Stammzellen gehören dazu.

Zauberwort Zelltherapie

Die Hoffnung der modernen Medizin ist es daher, solche Zellen therapeutisch einzusetzen: In alzheimergeschädigte Hirne verpflanzt sollen sie defekte Nervenzellen ersetzen, in infarktgebeutelte Herzen transplantiert sollen sie kaputte Muskelzellen regenerieren. Und freilich sollen Stammzellen auch defekte Gefäße zusammenflicken, damit es erst gar nicht zu Infarkten oder Schlaganfällen kommt. Das diesbezügliche Zauberwort lautet Zelltherapie.

6856 Studien dazu

Wie sehr die Wissenschaft auf diesen Behandlungszug in Richtung Gefäßregeneration durch Stammzellen abfährt, zeigt die Zahl der bis heute dazu veröffentlichten Studien: 6856. Die für Therapie und Prophylaxe einflussreichsten Arbeiten erschienen 2003 und 2005 im New England Journal of Medicine: Die Erste wollte beweisen, dass Stammzellen der Gefäßwand für die Regeneration der Blutgefäße und damit für den Erhalt von Durchblutung und Organfunktion ursächlich und eigenverantwortlich seien. Und die Zweite wollte belegen, dass mit der Messung der Konzentration dieser Zellen im Blut eine Risikovorhersage möglich sei - je weniger endotheliale Stammzellen, desto eher der Herzinfarkt.

Für Behandlung und Prophylaxe von Herz-Kreislauf-Erkrankungen hieß es also fürderhin: Pillen zur Stimulierung dieser Reparaturzellen oder, moderner, gleich eine Stammzelltherapie: dem Patienten oder dem, der ein solcher werden könnte, die Wunderzellen entnehmen, aufpeppeln und vermehren, danach wieder einspritzen.

Zentrale Rolle - Abwehrzellen

Zu dumm nur, dass die Grazer Wissenschafter in den für die Gefäßregeneration verantwortlichen Strukturen keine Stammzellen gefunden haben. Vielmehr spielen Abwehrzellen eine zentrale Rolle. "Und das, was bisher für die Risikoabwägung gemessen wurde, war nicht die Zahl der Stammzellen, sondern die Aktivität des Immunsystems", erklärt Hämatologe Dirk Strunk. Bei Patienten mit Diabetes oder nach Infarkt seien Monozyten und T-Zellen im Vergleich mit Gesunden verändert und in ihrer Zahl geringer gewesen.

Statt Zelltherapie: Stärkung des Immunsystems

Der daraus resultierende Fortschritt: ein Schritt zurück. Was zwar den Proponenten der Zelltherapie nicht gefallen dürfte, wohl aber den Patienten. Anstatt Gewebe zu transplantieren, steht wieder die Regulierung des Immunsystems als oberstes Ziel bei Herz-Kreislauf-Leiden. Therapeutisch und prophylaktisch. Und die erfolgt im günstigsten Fall mit einer Änderung des Lebensstils oder aber mit altbewährten Medikamenten.

"Wie genau Immunzellen die Gefäßregeneration steuern, wissen wir noch nicht", bedauert Strunk. Wahrscheinlich dienen sie - neben ihrem direkten Einfluss auf das geschädigte oder entzündete Gefäßgewebe - auch verschiedenen Stammzellen im Blut, nicht nur den endothelialen, als Signalgeber. Weitere Forschungen sollen dies klären.
(Andreas Feiertag/MEDSTANDARD/02.07.2007)

  • Bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen spielt das Immunsystem eine wichtigere Rolle als bisher angenommen. Wie T-Zellen mit Stammzellen im Blut interagieren, muss allerdings erst noch erforscht werden.
    foto: 3d special

    Bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen spielt das Immunsystem eine wichtigere Rolle als bisher angenommen. Wie T-Zellen mit Stammzellen im Blut interagieren, muss allerdings erst noch erforscht werden.

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