Prozessende zu Anschlägen von Madrid

3. Juli 2007, 14:34
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Staatsanwaltschaft fordert am Ende des Verfahrens für die 27 Angeklagten 300.000 Jahre Haft - Der Tathergang ist nicht vollständig geklärt

Nach 57 Verhandlungstagen zogen sich die Richter im Verfahren zu den Anschlägen auf die Pendlerzüge am 11. März 2004 in Madrid am Montag zur Beratung zurück. Das Urteil wird für Herbst erwartet. Am 11. März starben 191 Menschen. Die Staatsanwaltschaft fordert für die 27 Angeklagten insgesamt mehr als 300.000 Jahre Haft. Gegen zwei Personen wurde die Anklage mangels Beweise fallen gelassen. Die Verteidiger der meisten Angeklagten plädieren auf Freispruch.

Die angeklagten mutmaßlichen Islamisten lebten meist als Immigranten in Spanien. Sie sollen die Anschläge vorbereitet haben. Die acht Spanier werden beschuldigt, den Sprengstoff aus einer Mine in Nordspanien entwendet zu haben. Zwei Angeklagte sollen selbst Bomben in einem der Züge deponiert haben. Die übrigen sieben Mitglieder des Kommandos stehen nicht vor Gericht. Sie sprengten sich wenige Wochen nach den Attentaten in einem Madrider Vorort in die Luft, als ihre Wohnung von der Polizei umstellt wurde. Dabei verlor ein Polizeibeamter das Leben.

Diese sieben sollen zusammen mit den angeklagten Islamisten eine unabhängige lokale Gruppe salafistischer Ideologie gebildet haben. Die Idee zu den Bomben sollen sie einer Internetseite entnommen haben. Dort beschrieb eine Gruppe mit dem Namen „die Weisen von Al-Kaida“ mögliche Auswirkungen eines Anschlages kurz vor den spanischen Parlamentswahlen. Die Bomben in den Zügen explodierten drei Tage vor dem Urnengang und die Konservativen, die Truppen in den Irak geschickt hatten, verloren.

Dass Richter Javier Gómez Bermúdez alle Beweisketten nachvollziehen wird, ist unwahrscheinlich. Die Untersuchungen zum Tathergang sind voller Ungereimtheiten.

Die Polizei wurde etwa vom Informanten Rafa Zouhier gewarnt, dass ein Spanier Sprengstoff an Islamisten verkauft. Die Beamten ließen ihn gewähren. Zouhier soll jetzt wegen der Sprengstoffbeschaffung 39.000 Jahre hinter Gitter. Auch die Sieben, die sich in die Luft sprengten, standen unter Beobachtung.

Als mutmaßlicher Drahtzieher gilt der Ägypter Rabei Osman. Er wurde von Italien ausgeliefert, nachdem er am Telefon damit geprahlt haben soll, hinter den Anschlägen zu stecken. Doch die beeideten spanischen, Übersetzer konnten diese Aussagen auf den Tonbändern, auf denen diese Gespräche aufgezeichnet worden waren, nicht finden. Die Italiener sind des ägyptischen Dialekts nicht mächtig, folgerten die Spanier. (Rainer Wandler aus Madrid/DER STANDARD, Printausgabe, 3.7.2007)

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    Einige Angeklagte im Gerichtssaal in Madrid. Bei den Anschlägen im März 2004 wurden 2000 Menschen verletzt.

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