Analyse: Djihadisten bleiben "zuhause"

5. Juli 2007, 13:02
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Der Krieg im Irak ist ein Geschenk für Terrorgruppen, die sich an Al-Kaida anlehnen

Schließlich wird dort gelehrt, wie man die einzig verbliebene Supermacht demütigen kann. Exportiert werden aber nicht nur terroristische Methoden.

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Bereits in einer frühen Phase des Kriegs warnten Experten davor, dass der Irak zu einem Trainingsfeld für den internationalen Terrorismus werden könnte. Heute stellt man fest, dass es gleich dreifachen "Overspill", ein Überschwappen, aus dem Irak in andere Länder gibt: erstens der Ideologie und Motivation, zweitens des Personals und drittens der Methoden.

Um bei Letzterem zu beginnen (siehe auch Artikel rechts): Das Auto als nicht einfach abgestellte, sondern selbstgelenkte Bombe ist eine Technik, die man bisher tatsächlich nur mit Selbstmordattentaten im Irak und in Afghanistan in Zusammenhang brachte, dort meist gezielt eingesetzt gegen Sicherheitskräfte.

Es handelt sich um ein erschreckend simples Instrument, das relativ geringer Logistik bedarf. Sein Einsatz in Glasgow könnte Inspiration für genau jene Gruppen bedeuten, die sich horizontal an die an den Rändern amorphe Al-Kaida angliedern, ohne in vertikale Organisation und Planungen eingebunden zu sein. Es gibt keine Illusion darüber, dass die "Opferwilligen" schnell aufgebraucht sein werden, man weiß nun, dass es genügend Potenzial auch im Westen gibt.

Der Export beziehungsweise Austausch von Terror-Expertise war frühzeitig zwischen Irak und Afghanistan zu beobachten: nicht nur Techniken, sondern auch Strategien, wie etwa die gezielten Angriffe auf internationale Hilfsorganisationen. Nicht etwa, dass die Terroristen dabei das Rad neu erfinden müssen, alles war schon einmal da. Entführungen etwa wurden während des libanesischen Bürgerkriegs massiv eingesetzt, waren aber damals ein "politischeres" Instrument als im Irak, wo es meist entweder um Geld oder um die pure Terrorverbreitung - Stichwort Enthauptungen vor laufender Kamera - geht.

Zu Punkt zwei: Mit dem "Overspill" von Personal ist natürlich nicht gemeint, dass Iraker in signifikanter Zahl den Irak verlassen, um im Ausland zu kämpfen (das kann noch kommen): Irakische sunnitische Extremisten sind jedoch sehr wohl im Libanon aufgetaucht und spielen dort bei der Ausbreitung der Kaida-affinen islamistischen Bewegungen in den palästinensischen Flüchtlingslagern eine Rolle. Bekannt ist auch, dass nicht-irakische Kämpfer, die bereit sind, in den Irak zu gehen, heute bereits auf andere Schauplätze "umgeleitet" werden. Für Europa kann das heißen, dass Djihadisten, die sich im Irak "opfern" wollen, aufgefordert werden könnten, das gleich zuhause zu tun.

Die Schlüsse, die daraus für den Irak zu ziehen, sind nicht klar: Ist der Aufstand so stark, dass man sie nicht einmal braucht? Der Einfluss der ausländischen Djihadisten im Irak wurde immer tendenziell übertrieben. So können die USA behaupten, sie bekämpfen dort den "internationalen Terrorismus", natürlich ohne hinzuzufügen, dass es ihn vor dem Krieg im Irak nicht gegeben hat: außer ausgerechnet in Irakisch-Kurdistan, mit der ebenfalls Al-Kaida nahestehenden Gruppe Ansar al-Sunna (die die Dienste als Gefahr für Europa einstufen).

Schließlich, Punkt eins, Motivation und Inspiration, liegt auf der Hand: Im Irak ist man dabei, die einzig verbliebene Supermacht zu besiegen, auch wenn das nur über die Entfachung eines Bürgerkriegs im Lande funktioniert. Dazu musste man sich jedoch nicht einmal ideologisch verrenken: Schiiten gehören ebenfalls zu den Ungläubigen. (Gudrun Harrer/DER STANDARD, Printausgabe, 2.7.2007)

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