Wenn sich die Poren erheben

10. Juli 2007, 19:14
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Die britische Soulsängerin Carleen Anderson gastierte beim Wiener Jazzfest

Wien - Keine Frage, zu Roger Chapman lässt sich gut zuprosten. Darum war es kein Wunder, dass im Anschluss an das Konzert des britischen Sängers - eine Art männliche Rockröhre, dessen größter Hit Shadow On The Wall mittlerweile nur noch im Oldie-Radio läuft - einige Besucher des Jazzfests Wien schon ein wenig knieweich waren. Manche der älteren Semester gar so sehr, dass sie dort, wo sie eben noch standen und sich bluesrockend aus gut gefüllten Bechern labten, ein Nickerchen gönnten. Wären diese Nachmittagstrinker drei, vier Jahrzehnte jünger gewesen, das Thema jugendliche Komasäufer hätte sich aufgedrängt.

Im Anschluss an den Reibeisenbriten stand dann einer der wenigen Lichtblicke des heurigen Wiener Jazzfests auf dem Programm: Der erste Österreichauftritt von Carleen Anderson und ihrer Band als Solokünstlerin.

Die in den USA geborene und in England lebende Tochter von Vickie Anderson, einer einstigen Backgroundsängerin aus James Browns Soulrevue lediglich als Ausnahmestimme zu bezeichnen, wäre zart untertrieben. Wenn sie anhebt, erheben sich auch Poren - wie manche Besucher des charmefreien Geländes der Fernwärme Wien an ihren Armen erstaunt zur Kenntnis nahmen. Mehr noch: Anderson ist wahrscheinlich eine der besten zeitgenössischen Soul-Interpretinnen.

Begonnen hat sie ihre Karriere als Sängerin der Acid-Jazz-Band Young Disciples, die zu Beginn der 1990er HipHop, Funk und Dancefloor zu einer slicken, hoch infektiösen Mischung hochkochten und damit weltweit die Clubs eroberten. Den größten Hit aus dieser früheren Karriere, Apparently Nothin' (Soul River), spielte Anderson am Samstag schließlich als Zugabe.

Energiebündel

Davor überzeugte das Energiebündel mit einer gepflegten Mischung aus ihren bisher veröffentlichten Soloalben. Vor allem aus Blessed Burden und dem aktuellen Soul Providence - beides Werke, auf denen Anderson klassischen Soul zeitgenössisch modifiziert präsentiert. Das bedeutet neben scharfen Gitarren, die im Studio gerne ihr Bewunderer und Freund Paul Weller beisteuert, auch gesamplete Klänge aus dem Synthesizer, die live zu Beginn gar elend klangen, sich aber im Verlauf der Show wohltuend und harmonisch in den Bandsound einfügten.

Zum intensiven Höhepunkt wurde eine Interpretation des als "some Rock 'n' Roll" angekündigten Stücks Maybe I'm Amazed aus der Feder von Paul McCartney, dessen Original Anderson spielend überflügelte.

Oder auch das innig, von Anderson an der Hammond Orgel gespielte Woman In Me, bei dem sich die sonst gut anschiebende sechsköpfige Begleitband als sensibel und subtil erwies. Nicht auszudenken, wie sich ein Anderson-Konzert in einem der Lady adäquaten Rahmen anfühlen muss. Bitte das bald einmal zu ermöglichen. (Karl Fluch, DER STANDARD/Printausgabe, 02.07.2007)

  • Foto aus der Ferne: Die britische Soulsängerin Carleen Anderson - ganz hinten - beim Jazzfest Wien.>>> Geförderter Zensurversuch
    foto: christian fischer

    Foto aus der Ferne: Die britische Soulsängerin Carleen Anderson - ganz hinten - beim Jazzfest Wien.

    >>> Geförderter Zensurversuch

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