Neuer Opernraum der Konfrontation

1. Juli 2007, 18:11
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Üppiges Angebot in Aix-en-Provence: Wagners "Walküre", die Einweihung eines Opernhauses und der "Ring"

Da gab es die Eröffnung des 59. Opernfestivals mit dem zweiten Abend von Richard Wagners Ring des Nibelungen, da war aber auch gleichzeitig die Einweihung des neuen Opernhauses, des "Grand Théâtre de Provence" (GTP), das mit der Walküre seine erste Aufführung erlebte. Zudem hat das Festival d'Aix-en-Provence auch einen neuen Direktor: Nach dem Weggang von Stéphane Lissner, der Wagners Ring noch bis 2009 vorplante, folgt ihm Bernard Foccroule, der jahrelang die "Monnaie" in Brüssel geleitet hat.

So war man denn auch auf die Architektur des Gebäudes und die Akustik des 1360 Plätze umfassenden Saals des GTP ebenso gespannt wie auf die Inszenierung von Stéphane Braunschweig zum Dirigat von Sir Simon Rattle, der die Berliner Philharmoniker mit Verve und Hang zur dynamischen Extrovertiertheit durch die Partitur führte. Mehr Rücksicht auf die Kapazitäten der Sänger wäre wünschenswert gewesen - immerhin aber arbeitete Rattle alle Finessen der Partitur heraus.

Die Alpen

Braunschweig baute auch als Bühnenbildner drei Szenerien: Die erste zeigt eine steil ansteigende Perspektive, die in ein Fenster mündet. Die Requisiten sind auf einen Tisch und zwei Schneiderpuppen mit weißen Militärmänteln reduziert. Im zweiten Aufzug sitzt Wotan in einem Alpenpanorama, im dritten beschränkt sich Braunschweig auf breite, graue Stufen, immer die Horizontale betonend.

Die Zwillinge Sieglinde (beachtlich Eva-Maria Westbroek) und Siegmund (Robert Gambill) sehen einander ähnlich. Sie in einer Art Nachthemd und mit langem Blondhaar, er im khakifarbigen Militärlook mit blonden Locken. Beide leicht rundlich. Physisch, musikalisch und mit der naiven Romantik ihrer inzestuösen Beziehung bilden sie die Klammer im Verhältnis zum restlichen Bühnenpersonal. Braunschweig arbeitet besonders intensiv die Beziehungen der Figuren heraus, wobei er die Initiative der Frauen betont.

Das Ebenbild

Sieglinde berührt ihr Zwillings-Ebenbild mit selbstverständlicher Zärtlichkeit, während Siegmund zuerst seine und ihre gemeinsame Geschichte analysieren muss, um zu begreifen, um sie anfassen zu können. Fricka, als die Vertreterin des Gesetzes, unterbindet die weitere Eskalation des inzestuösen, ehebrecherischen Geschwisterpaars. Sie verbietet ihrem Gatten Wotan, Siegmund zum Sieg zu verhelfen.

Die von Wotan (Willard White) so heiß geliebte Brünnhilde widersetzt sich dem göttlichen Vater, rettet die geschwängerte Sieglinde und damit den zukünftigen Siegfried. Schließlich bittet sie Wotan, der sie einfach verstoßen und zum Frauenschicksal verdammen will, dass sie, von Feuer umzingelt, würdig auf einen furchtlosen Freier warten kann. Für Rattle sind die Walküren, die tote Soldaten schleppen, wie "Geier, die Leichenstücke wegtragen, oder wie Hyänen, wegen ihrer Schreie". Wogegen Braunschweig den Ring als die (unfreiwillige) Konfrontation Wotans auffasst, der zwischen seinem Allmachtsanspruch und dem Realitätsprinzip hin und her laviert. Man wird das bei den Osterfestspielen in Salzburg (2008) sehen. (Olga Grimm-Weissert, DER STANDARD/Printausgabe, 02.07.2007)

  • Wotan (Willard White) hat in Aix einen neuen Opernraum geschenkt bekommen.
    foto: carecchio

    Wotan (Willard White) hat in Aix einen neuen Opernraum geschenkt bekommen.

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