"Wir brauchen eine tatsächliche Integrationspolitik"

5. Juli 2007, 22:07
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Für José Contraras, geboren 1940 in Chile, ist Österreich seine "zweite Heimat" - In der Integrationspolitik sieht er "viele Verschlechterungen in den letzten Jahren"

José Contreras musste 1975 aus Chile fliehen. In Österreich, wo der Hochschulabsolvent als Schlossergehilfe und später bei der Wr. Städtischen arbeitete, fand er eine "zweite Heimat". Der stellvertretende Obmann des "Seniorenvereins von und für Migrantinnen und Migranten" kritisiert jedoch die derzeitige Integrationspolitik: "Hier hat es in den letzten Jahren viele Verschlechterungen gegeben." Die Fragen stellte Heidi Weinhäupl.

* * *

derStandard.at: Warum sind Sie nach Österreich gekommen?

José Contreras: Ich bin als politischer Flüchtling aus Chile nach Österreich gekommen. Ich war von September 1973 bis August 1975 in Konzentrationslagern der chilenischen Militärdiktatur gefangen.

derStandard.at: Was waren Ihre ersten Eindrücke von Österreich?

Contreras: Ich fühlte mich frei - ich war in ein demokratisches Land gekommen.

derStandard.at: Warum sind Sie geblieben?

Contreras: Ich war nach Österreich gekommen, weil ich aus Chile ausgewiesen worden war, mit dem Verbot nach Chile zurückzukehren. Dank der Regierung Kreisky konnte ich mir in Österreich eine neue Existenz aufbauen.

derStandard.at: Wo fühlen Sie sich heute zu Hause?

Contreras: Österreich ist meine zweite Heimat. Ich habe eine Familie hier gegründet, ich habe hier eine Tochter. Seit 1990 kann ich wieder nach Chile reisen, doch ich besuche dort nur meine Familie, zu Hause fühle ich mich in Österreich. Hier habe ich viele Kontakte und Freunde.

derStandard.at: War es leicht, den Kontakt zu Familie und Freunden in Ihrem alten Zuhause zu halten?

Contreras: Nein, es war schwer. Ab 1990 musste ich die Kontakte wieder neu aufbauen.

derStandard.at: Wo wollen Sie begraben werden?

Contreras: In Österreich.

derStandard.at: Was sollte sich in Österreich politisch oder gesellschaftlich ändern?

Contreras: Da habe ich, auch als Obmann-Stellvertreter des Seniorenvereins von und für Migranten und Migrantinnen, eine lange Liste. Zunächst wäre da eine stärkere Öffnung zu einer tatsächlichen Integrationspolitik und eine ausländerfreundlichere Politik sowie eine Politik, die mehr die Interessen der Pensionisten berücksichtigt. Hier hat es in den letzten Jahren viele Verschlechterungen gegeben. Wir brauchen eine Politik gegen Armut und dafür eine sozial gerechtere Besteuerung. Die rund 800.000 ausländischen Staatsangehörigen, die als Pensionisten in Österreich leben, sind sozial benachteiligt – und zudem aus den Seniorenvereinen ausgeschlossen, obwohl viele von ihnen 20 Jahre oder mehr in Österreich gearbeitet haben. Nur österreichische StaatsbürgerInnen und EU-BürgerInnen sind als SeniorInnen anerkannt. Das sollte sich ändern – und generell sollten ältere MigrantInnen und deren Selbstorganisationen stärker in alle Planungsmaßnahmen miteinbezogen werden. Verbessert werden müsste die Gesundheitsförderung für ältere Migrantinnen und Migranten, zudem gibt es Diskriminierung bei der sprachlichen Integration: Es gibt nur wenige finanzierte Deutschkurse, und private Kurse sind sehr teuer. (derStandard, 5.7.2007)

  • José Contreras, geboren 1940 in Concepción, Chile, Hochschulabschluss als Steuerberater, musste 1975 nach Österreich fliehen, wo er zunächst als Schlosserhelfer und später als Versicherungsangestellter arbeitete. Er ist verheiratet und Vater einer Tochter. 1999 wurde Contreras pensioniert, nun setzt er sich als stellvertretender Obmann des "Seniorenvereins von und für Migrantinnen und Migranten" für eine stärkere Beachtung der Anliegen älterer Menschen mit Migrationshintergrund ein.
    foto: privat

    José Contreras, geboren 1940 in Concepción, Chile, Hochschulabschluss als Steuerberater, musste 1975 nach Österreich fliehen, wo er zunächst als Schlosserhelfer und später als Versicherungsangestellter arbeitete. Er ist verheiratet und Vater einer Tochter. 1999 wurde Contreras pensioniert, nun setzt er sich als stellvertretender Obmann des "Seniorenvereins von und für Migrantinnen und Migranten" für eine stärkere Beachtung der Anliegen älterer Menschen mit Migrationshintergrund ein.

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