Proteste gegen Milde für Ex-Staatschef

5. Juli 2007, 14:14
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Katzav ist zurückgetreten, Tausende protestierten dagegen, dass der wegen sexueller Vergehen angeklagte Politiker mit einer Bewährungsstrafe davonkommen soll

Seit Sonntag 11 Uhr Ortszeit ist Moshe Katzav nicht mehr Israels Staatspräsident, aber die schier unglaublichen Anschuldigungen, die zu seinem Rücktritt geführt haben, wühlen noch immer das Land auf.

Die letzte dramatische Wende war, dass die Staatsanwaltschaft gestern die "entschärfte" Anklageschrift doch noch zurückhielt, weil drei Organisationen beim Obersten Gerichtshof gegen den Vergleich Einspruch erhoben hatten, durch den Katzav relativ billig davonkommen würde. Noch immer bestand also die theoretische Möglichkeit, dass die Anklage doch auf Vergewaltigung lauten könnte.

In dem Vergleich war vorige Woche vereinbart worden, dass Katzav vor Gericht unsittliche Handlungen und sexuelle Belästigung gegenüber zwei Frauen eingestehen würde, im Gegenzug wurde der Vorwurf der Vergewaltigung fallen gelassen und dem Beschuldigten eine bloß bedingte Gefängnisstrafe zugesichert. Unter massiver öffentlicher Kritik steht nun Generalstaatsanwalt Meni Masus, denn er hatte im Jänner durch die Mitteilung, dass eine Vergewaltigungsanklage vorbereitet werde, die Latte viel höher gelegt. Samstag Abend demonstrierten in Tel Aviv einige tausend Menschen gegen den Vergleich.

Am erstaunlichsten ist, dass der Fall von "A", Katzavs früherer Kanzleichefin, die die Ermittlungen ins Rollen gebracht hat, nun in der Anklage gar nicht mehr vorkommt. In einer langen Pressekonferenz schilderte "A" zuletzt detailliert, wie Katzav sie in seinem Büro vergewaltigt und zur "Sexsklavin" gemacht habe. Die Angaben von "A" warfen aber auch Fragen auf, weil sie offenbar keinen physischen Widerstand leistete, es mehrmals zum Geschlechtsverkehr kam und über längere Zeit irgend eine Art von Beziehung zu Katzav bestand. Deshalb rechtfertigte Masus seine Entscheidung nun auch damit, dass es im Fall von "A" "nicht gelungen ist, eine Beweisbasis zu etablieren". Gleichzeitig ließ der Staatsanwalt keinen Zweifel daran, dass er "A" glaubt: "Wir haben einen Präsidenten getroffen", schilderte Masus die Untersuchung, die vor einem Jahr begann, "und es stellte sich heraus, dass wir da einen Mann hatten, der sich über Jahre wie ein Sexualwiederholungstäter verhalten hat."

Am Sonntag trat auch der in eine Korruptionsaffäre verstrickte Finanzminister Avraham Hirshson zurück. (Ben Segenreich aus Tel Aviv/DER STANDARD, Printausgabe, 2.7.2007)

  • Tausende demonstrierten gegen eine Haftverschonung Katzavs
    foto: ap/schalit

    Tausende demonstrierten gegen eine Haftverschonung Katzavs

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