Einmalig im Tierreich: Milben entdecken den Sex wieder

23. Juli 2007, 12:42
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Bestimmte Hornmilben-Arten, deren Vorfahren sich asexuell vermehrt hatten, re-evolvierten die geschlechtliche Fortpflanzung

Einige Wissenschafter waren der Meinung, es sei äußerst unwahrscheinlich. Andere postulierten gar, etwas Derartiges würde niemals geschehen. Aber ein kleines Spinnentier strafte sie Lügen: Nach Jahrmillionen der ungeschlechtlichen Fortpflanzung hat eine ganze Hornmilben-Familie, der 45 bekannte Arten angehören, zum Sex zurück gefunden.

Die Entdeckungen von Katja Domes, Evolutions-Genetikerin an der Universität von Darmstadt, und ihrem Team widersprechen eigentlich dem Dollo'schen Gesetz, einem in der Tierwelt bislang ungebrochenen Grundsatz der Evolution.

Der französische Paläontologe Louis Dollo formulierte 1890 die Regel wonach eine gewisse in der Vergangenheit verloren gegangene komplexe Eigenschaft nicht mehr re-evolviert. Ausgestorbene Tiere entwickeln sich beispielsweise nicht erneut und Säugetiere, die ins Wasser zurückgekehrt sind, bilden nicht wieder Kiemen aus, obwohl diese embryonal noch vorhanden wären.

Einmalig im gesamten Tierreich

Die winzigen Milben aus der Familie der Crotoniidae, so unscheinbar sie sein mögen, stellen eine Einmaligkeit im gesamten Tierreich dar und werfen zumindest in diesem einen Fall Dollos Gesetz über den Haufen. Domes konnte mit ihrem Team an Hand von DNA-Analysen feststellen, dass die Milbenfamilie, deren Angehörigen sich nun auf sexuellem Weg fortpflanzen, aus der Familie der Camisiidae hervor gegangen war.

Die Milben dieser Gruppe vermehrte sich ursprünglich ebenfalls sexuell, verloren jedoch diese Eigenschaft und pflanzten sich in den vergangenen mehreren hundert Millionen Jahren durch Parthenogenese, also asexuell, fort. Ihre Weibchen legen Eier, aus denen exakte genetische Kopien schlüpfen. Zwar kommen immer wieder auch männliche Tiere zur Welt, doch diese sind steril. Zumindest dachte man das bis jetzt.

"Diese seltenen Männchen könnten dazu beigetragen haben, dass die Crotoniidae-Milben den Sex wieder entdeckt haben.", meint Domes. Normalerweise sei es so, dass jene Gene, die für nicht mehr notwendige Eigenschaften verantwortlich sind, allmählich mutieren. Wenn etwas so Komlexes, wie die Fähigkeit, Keimzellen zu entwickeln, verloren geht, dann dürfte es eigentlich nicht wieder auftauchen. Seltsamerweise ist genau dies bei der Crotoniidae-Familie geschehen, trotz der Tatsache, dass sie Jahrmillionen ohne diese Fähigkeit überlebt haben.

Sex auf den Bäumen, Teilung am Boden

Warum das geschehen ist erklärt sich Domes mit den unterschiedlichen Lebensräumen der beiden Milbenfamilien. Untersuchungen haben gezeigt, dass auf Bäumen lebende Milben sich größtenteils sexuell fortpflanzen, überproportional viele Boden-Hornmilbenarten vermehren sich dagegen parthenogenetisch. Es scheine, so Domes, dass der Ressourcen-Reichtum im Boden bzw. das geringere Angebot und die größere Bedrohung durch Fressfeinde auf den Bäumen jeweils Einfluss auf die Fortpflanzungs-Art hätten.

"Nachdem die Crotoniidae in den Bäumen leben, könnte dies die Ursache sein, warum sie zur sexuellen Vermehrung zurück gekehrt sind.", erklärt Domes. "Die Entdeckung der Rückkehr zum Sex impliziert, dass jene Gene, die dafür notwendig sind um Männchen zu produzieren, offenbar nicht verschwunden waren, selbst wenn sie nie verwendet wurden." (Red)

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