Die Football-Großmacht

1. Juli 2007, 19:34
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Die Dodge Vikings streben am Sonntag Historisches an - In kaum einer Sportart ist Österreich so erfolgreich wie auf Amateurebene im Football

Wien - Typisch österreichisch, sagt Karl Wurm. "Wenn wir irgendwo wirklich gut sind, sagen wir sofort, das ist nichts wert." Im American Football ist Österreich wirklich so richtig gut, man nehme nur die Dodge Vikings aus Wien, denen Wurm, Chef auch der "Wurm und Wurm Werbegesellschaft", als Präsident vorsteht. "Natürlich ist Fußball wichtiger", sagt Wurm. "Aber Salzburg, Rapid und Tirol", sagt er auch, "stehen halt nicht in Europacup-Endspielen."

Die professionelle nordamerikanische NFL (National Football League) ist eine andere Welt, deren skurriler Europa-Ableger - zuletzt eine Meisterschaft fünf deutscher Klubs mit Amsterdamer Beteiligung - hat freilich jährlich 40 Millionen Euro Verlust gemacht und nach 15 Saisonen soeben den Betrieb eingestellt. Im Amateurbereich werden jedenfalls drei der vier Europacup-Finalplätze von österreichischen Vereinen besetzt. Im EFAF-Cup, dem UEFA-Cup vergleichbar, bleibt man gar unter sich, hier werden am 21. Juli die Graz Giants auf die Cineplexx Blue Devils aus Hohenems treffen, die sensationell gegen die Berlin Adler die Oberhand behalten hatten.

Die Vikings wiederum spielen schon am Sonntag (Hohe Warte, 15 Uhr, live auf ORF Sport plus) gegen die Marburg Mercenaries aus Hessen um die Euro Bowl (vgl. Champions League). Sie könnten zum vierten Mal zuschlagen, damit Hamburg, Braunschweig und Bergamo abhängen, die bis dato ebenfalls dreimal gewannen. Die breite heimische Phalanx, sagt Wurm, liegt nicht an etwaigem Desinteresse anderer Nationen, sondern an glänzender Nachwuchsarbeit hierzulande. Tatsächlich steht die Liga seit Jahren auf gesunden Beinen, selbst die Gagen der wenigen US-Legionäre, auf die sich einzelne Teams stützen, sind bessere Taschengelder.

Idealisten wie etwa Wurm oder der ehemalige Bodybuilding-Star Alfred Neugebauer bei den Vikings sorgen dafür, dass das Werkl läuft. Spieler, die ihre Karriere beenden, wechseln oft ins Klubmanagement oder in die Betreuung, kümmern sich um Nachwuchsteams. Die Vikings sind stolz darauf, dass sie in elf Sektionen, darunter Tackle, Nachwuchs, Flag Football, Damen und Cheerleading, in österreichischen Endspielen vertreten sind. Das wichtigste Finale, jenes um die bereits 23. Austrian Bowl am 14. Juli in Wien, hat mit Vikings gegen Graz Giants einen Klassiker anzubieten. Wurm ist vor allem auch auf die Cheerleader stolz und ärgert sich darüber, dass die Bundes-Sportorganisation (BSO) die Aufnahme und also Anerkennung verweigert. "Die müssten nur einmal bei einer Meisterschaft zusehen. Da wird 2500 Zusehern toller Sport geboten, überhaupt keine Rede von Dummchen, die mit Busen und Po wackeln." Bei den Vikings-Minis wiederum laufen unzählige Gstermln herum, jeden kann man fragen, warum er Football spielt, und jeder wird zurückwitzeln: "Weil ich so böse bin."

Ein neues Trainings- und Spielzentrum mit zwei Kunstrasenplätzen in der Ravellinstraße in Wien-Simmering dürfte den Vikings ab Herbst neue Möglichkeiten eröffnen. Der Spielplan 2007/08 wird indes noch auf die Fußball-EM abzustimmen sein - weil diese, zugegeben, wichtig ist. (Fritz Neumann, DER STANDARD Printausgabe 30. Juni 2007)

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