"Wir reden nur über Etiketten"

29. Juni 2007, 19:23
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Monika Kircher-Kohl, Infineon Österreich- Chefin und Vizechefin der Bildungsreformkom­mission, im Interview über das Schulsystem und sozialdemokratisches Wirtschaften

Monika Kircher-Kohl "darf" beim Chip-Erzeuger Infineon jetzt "den Österreich-Vorsitz wahrnehmen". Warum sie als "Türöffnerin" kleine Mädchen in Bauecken sehen und wie sie das Schulsystem verbessern will, erläuterte die Ex-Politikerin Renate Graber etikettenreich.

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STANDARD: Sie sind vor einem Monat, mit knapp 50, Infineon-Österreich-Chefin geworden. Was war beruflich Ihr größter Fehler? Ich frage, weil Sie eine "Null-Fehler-Strategie" fahren, und ich mir weder Menschen noch Unternehmen ohne Fehler vorstellen kann.

Kircher-Kohl: Mein größter Fehler? Da muss ich intensiv nachdenken, vor allem, wenn er dann öffentlich ist. Tun wir einmal weiter, ich beantworte Ihnen das später.

STANDARD: Aber die Null-Fehler-Strategie erklären Sie mir?

Kircher-Kohl: Von Villach aus liefern wir sehr viele Chips für den Automobilsektor, etwa für ABS und Airbagsysteme. Jeder Kunde will absolute Qualität. Unser Ziel ist, dem Endkunden null Fehler zu liefern. Unsere Mitarbeiter müssen in ihrer Philosophie und Denkweise diese Strategie mittragen: Angearbeitete, fehlerhafte Chips müssen verworfen werden und dürfen nicht so lange repariert werden, bis man glaubt, sie entsprechen.

STANDARD: Das kann doch nur ein ambitiöses Ziel sein?

Kircher-Kohl: Wir wollen eine Kultur schaffen, in der Fehler nicht unterdrückt werden. Menschliche Fehler und Prozessschwächen sollen an die Öffentlichkeit. Nicht, wer einen Fehler gemacht hat, soll im Vordergrund stehen, sondern die Frage, warum der Fehler entstanden ist und wie er künftig zu vermeiden ist.

STANDARD: Das ist ja nicht so neu. Bringt mich aber zu Ihrem "Herzensthema", in dem Sie auch "vom Aufzeigen von Fehlern abrücken" wollen: Bildung und Schule. Dafür waren Sie als Villacher SP-Vizebürgermeisterin zuständig. Für die Industriellenvereinigung haben Sie das Konzept "Schule 2020" erarbeitet. Jetzt sind Sie Vizechefin der Reformkommission von Bildungsministerin Claudia Schmied. Wären Sie gern selbst Ministerin geworden?

Kircher-Kohl: Ich wäre am liebsten bei Infineon und freue mich, dass ich hier noch einmal eine größere Aufgabe wahrnehmen darf durch den Österreich-Vorsitz. Wir haben viel Arbeit in dieses Zukunftskonzept Schule 2020 gesteckt, in der Kommission haben wir uns nun auch noch die Verpflichtung auferlegt, den Reformprozess in der Umsetzung zu begleiten. Ministerin Schmied hat dabei meine volle Unterstützung, die Rollenverteilung passt perfekt.

STANDARD: Hat Sie Alfred Gusenbauer gefragt?

Kircher-Kohl: Die Frage hat sich gar nicht gestellt, weil ich von Anfang klargestellt habe: Ich bleibe in der Wirtschaft.

STANDARD: Das Thema Schule spaltet die Koalition, vor allem die Idee der Gesamtschule. Österreich liegt in der Pisa-Studie auf Platz 17, Sie peilen Platz drei an. Wie kommt man dorthin?

Kircher-Kohl: Um Rankings geht es nicht. Bei der Bildung muss man die Persönlichkeit im Mittelpunkt sehen, wir müssen Kinder in ihrer Lernneugierde stärken und in ihrer Persönlichkeit unterstützen. Und im Bildungssystem liegt die Zukunft - die Lehrer müssen von der Gesellschaft hoch angesehen sein und gut entlohnt werden.

STANDARD: Wie viel sollen gute Lehrer verdienen?

Kircher-Kohl: Es sollte bei ihrer Entlohnung auch Zwischenschritte geben, wo Top-Pädagogen, die nicht Direktoren werden, mehr verdienen können. Wir müssen weg von der rein hierarchischen Bezahlung und jener nach Dienstalter. Auch Engagement und Leistung sollen bezahlt werden.

STANDARD: Wie viel soll ein guter Lehrer verdienen?

Kircher-Kohl: Sein Einkommen soll nicht danach bemessen sein, wie alt die Kinder sind, die er unterrichtet. Das würde bewirken, dass auch wieder mehr Männer in Volksschulen unterrichten.

STANDARD: Wie viel soll ein guter Lehrer verdienen?

Kircher-Kohl: So viel wie jemand im mittleren Management in der Privatwirtschaft.

STANDARD: Wie viel wäre das bei Infineon?

Kircher-Kohl: Rund 80.000 Euro brutto im Jahr - inklusive leistungsabhängiger Komponenten.

STANDARD: Sie haben mir noch nicht verraten, wie Sie zur Gesamtschule stehen.

Kircher-Kohl: Ich möchte die Schuldiskussion ganz bewusst wegbringen von der Gesamtschule. Es geht um einen viel breiteren Ansatz: Wir haben zwar den freien Hochschulzugang in Österreich, aber trotzdem bildet die Situation an den Universitäten die soziale Situation der Studenten und ihrer Eltern eins zu eins ab. Es ist nicht gelungen, die soziale Auslese hintanzuhalten und den freien Hochschulzugang dafür zu nützen, dass auch Kinder aus benachteiligten, bildungsferneren Familien an die Uni kommen.

STANDARD: Zur Gesamtschule wollen Sie nichts sagen?

Kircher-Kohl: Das Problem liegt viel tiefer, beginnt im frühkindlichen Alter: Österreich war das letzte OECD-Land, das das Bildungssystem im vorschulischen Alter dafür nützt, hochbegabte oder aber Kinder mit Migrationshintergrund auf die Schule vorzubereiten. Darauf muss man viel mehr Augenmerk legen. Und wir müssen die Übergänge von einem Schulsystem ins nächste minimieren.

STANDARD: Was da rauskommt, nennt man Gesamtschule.

Kircher-Kohl: Wir reden in Österreich seit Jahrzehnten nur über Etiketten, das ist ein Fehler. Wir müssen zunächst innere Differenzierung erreichen: Angebote für die Kinder mit ihren völlig unterschiedlichen Begabungen, Talenten, Benachteiligungen. Das findet jetzt nicht statt. Dann, und wenn die Lehrer dafür ausgebildet sind, kann man über die Gesamtschule reden.

STANDARD: Weil Sie von frühkindlicher Bildung sprechen: Sie sind für ein verpflichten- des "Startschuljahr" - also Vorschule -, die Grünen für verpflichtenden Kindergarten ab drei. Wann dürfen wir mit verpflichtendem Stillen rechnen?

Kircher-Kohl: Ich bin nicht dafür, dass man alles verpflichtend vorschreibt, das Startschuljahr aber schon. Und sicher glaube ich, dass manche Entscheidungen in der Familie getroffen werden sollen.

STANDARD: Mir fällt auf, dass Politiker, die öffentliche Schulmodelle anpreisen, ihre eigenen Kinder in Privatschu- len schicken, kanzlerabwärts. Scheinheilig? Wo wurden Ihre zwei Töchter unterrichtet?

Kircher-Kohl: Jeder hat das Recht, das jeweils Beste für seine Kinder zu suchen. Und es sind nicht alle privaten Initiativen elitär und mit hohem Schulgeld kombiniert. Meine Töchter sind in öffentliche Schulen gegangen, eine in die Hauptschule, weil es nur dort einen musisch-kreativen Schwerpunkt gab, der ihr in dem Alter entsprach.

STANDARD: Sie haben in Mexiko studiert und gearbeitet, waren zehn Jahre in der Entwicklungspolitik tätig. Ich schäme mich immer ein bisschen, wenn ich die Bilder von Flüchtlingen vor Lampedusa oder am Zaun in Melilla in Marokko sehe. Was geht da in Ihnen vor?

Kircher-Kohl: Diese Schicksale sind zivilisierter Länder unwürdig, inakzeptabel. Wenn sich die EU, auch Österreich, international nennen will, braucht es eine humanere, offenere Flüchtlings- und Einwanderungspolitik. Zumal uns in Österreich die Arbeitskräfte ausgehen werden.

STANDARD: Österreich schottet sich aber gegen Arbeitskräfte aus östlichen EU-Ländern ab.

Kircher-Kohl: Das war vielleicht in der ersten Phase der Osterweiterung nötig, um die Sorgen der Menschen hintanzuhalten, die in Niedriglohnjobs arbeiten. Ich bin für die Öffnung, die Flucht aus den EU-Oststaaten findet ja überhaupt nicht statt. Es ist eher umgekehrt: Wir gehen sehr gern in den Osten, um Niederlassungen zu gründen, dort zu forschen und die gute Ausbildung der Leute dort zu nützen.

STANDARD: Sie haben die Fronten ja radikal gewechselt: Nach zehn Jahren SPÖ-Politik gingen Sie 2001 zu Infineon, einem wirklich globalen Unternehmen. Infineon Österreich beschäftigt Mitarbeiter aus 38 Ländern, lässt in Rumänien forschen, in Malaysia produzieren. Die Malaysier haben Sie hier in Villach eingeschult, wie wurden sie aufgenommen?

Kircher-Kohl: Das hat sehr gut funktioniert, da sind auch viele Freundschaften entstanden. Es war ja nicht so leicht: Die Leute haben ihren ersten Winter erlebt, mussten Auto fahren bei Schnee, sich integrieren.

STANDARD: Wie halten Sie es als ehemalige Entwicklungspolitikerin seit Ihrem Wechsel zu Infineon mit Globalisierungsgegnern?

Kircher-Kohl: Also ich empfinde ja meinen Jobwechsel nicht als Bruch. Ich mit meiner Weltanschauung könnte nie in einem Konzern arbeiten, in dem es Kinderarbeit oder Menschenrechtsverletzungen gibt. Und ich habe absolutes Verständnis für Globalisierungsgegner - dieser Diskurs muss stattfinden, junge Menschen haben da eine starke Aufgabe in der Gesellschaft. Kunst, die ja meine zweite Leidenschaft ist, hat diese Aufgabe auch.

STANDARD: Was ist Ihre erste Leidenschaft?

Kircher-Kohl: Soziale, gesellschaftliche Fragen. Ich diskutiere da viel, habe ja auch Künstler im Freundeskreis.

STANDARD: Welche?

Kircher-Kohl: Das geht ins Private, das will ich nicht sagen.

STANDARD: Sie haben 1994 die Kelag-Anteile der Stadt verkauft, Villach wurde zur reichsten Kommune Österreichs. Vom geschickt angelegten Erlös profitiert Villach heute noch. Unsozialistisch?

Kircher-Kohl: Das ist eines dieser Klischees: "Sozialdemokraten wirtschaften schlecht." Stimmt überhaupt nicht.

STANDARD: Apropos "Stimmt nicht". Sie werden "Österreichs erste Hightech-Lady" genannt, "Vorzeigefrau". Das wollen Sie nicht sein - Sie sehen sich als "Türöffnerin". Auf der anderen Seite fallen mir Ihre Formulierungen auf: Es freue Sie, "dass ich bei den KV-Verhandlungen mitreden darf", an der "Spitze des Unternehmens stehen darf". Warum so unterwürfig?

Kircher-Kohl: Ganz und gar nicht. Das ist keine Selbstverständlichkeit - und eine gewisse Bescheidenheit schadet auch Managern nicht.

STANDARD: Nervt Sie das Frauenthema nicht schon?

Kircher-Kohl: Nein, weil die Probleme nicht gelöst sind - insofern, als die starken Talente von Frauen fürs Managen nicht genügend genutzt werden. In der Technik ist das besonders traurig, weil die Frauenquote in technischen Berufen besonders niedrig liegt.

STANDARD: Bei Infineon liegt die Frauenquote bei 12,6 Prozent, da bewegt sich nicht viel - trotz Ihrer Türöffner-Rolle und Ihrer einstigen Initiative, dass Villacher Mädchen im Kindergarten auch in Bau- und nicht nur in Puppenecken spielen.

Kircher-Kohl: Da nützen natürlich auch keine singulären Maßnahmen, sondern nur ganzheitliche Konzepte. Und bis die greifen, das dauert.

STANDARD: Sie selbst sind ja auch keine Technikerin, sondern Ökonomin. Wie haben Sie es an die Spitze des Hightech-Konzerns geschafft?

Kircher-Kohl: Ich arbeite mit viel Konsequenz und Disziplin und hatte das Glück, immer wieder gefördert worden zu werden - auch von Männern, die mir mehr zugetraut haben, als ich mir selbst. Frauen neigen ja eher dazu, sich nicht vordrängen zu wollen, das ist nicht so gut. Wobei ich nicht der Überheblichkeit das Wort rede - ich würde nie jemanden anstellen, der protzt, mit seinen drei Doktortiteln.

STANDARD: Vorletzte Frage: Ihr größter Fehler?

Kircher-Kohl: Es gab keine großen, nur viele kleine.

STANDARD: Und die letzte: Worum geht's im Leben?

Kircher-Kohl: Es geht darum, zu leben. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.6./1.7.2007)

Zur Person
Monika Kircher-Kohl (49) ist seit Juni Vorstandschefin des Chip-Erzeugers Infineon Austria (2600 Mitarbeiter; 1,1 Mrd. Euro Umsatz). Die Kärntner Malermeistertochter studierte Wirtschaft, arbeitete für den Informationsdienst für Entwicklungspolitik. 1991 wurde sie von Villachs Bürgermeister Helmut Manzenreiter (SPÖ) für zehn Jahre in die Politik geholt. Die zweifache Mutter ist Vizechefin der Bildungsreformkommission.
  • Infineon-Chefin Monika Kircher-Kohls Herz hängt an der Bildung. Einen Bruch in ihrer Biografie - von Entwicklungshilfe über Politik in den globalisierten Kapitalismus - sieht sie nicht.
    foto: standard/urban

    Infineon-Chefin Monika Kircher-Kohls Herz hängt an der Bildung. Einen Bruch in ihrer Biografie - von Entwicklungshilfe über Politik in den globalisierten Kapitalismus - sieht sie nicht.

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