Tunguska-Rätsel womöglich gelöst

6. Juli 2007, 18:31
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Forscher vermuten doch Meteoriteneinschlag: Sie wollen einen Einschlagkrater entdeckt haben

Bologna - Am frühen Morgen des 30. Juni 1908 brennt über Sibirien auf einmal der Himmel. Noch hunderte Kilometer entfernt lässt gewaltiger Donner Fenster erzittern. Mitten in der Einöde der Taiga in der Tunguska-Region reißt eine Druckwelle 60 Millionen Bäume um.

Seither rätseln Wissenschafter, was geschehen war. Lange glaubten sie, dass ein Himmelskörper in der Luft explodiert sei. Weil jedoch keine entsprechenden Bruchstücke gefunden wurden, favorisieren manche Forscher andere Theorien: Am wahrscheinlichsten gilt ihnen der Ausbruch eines unterirdischen Vulkans, wie ihn die Region vor Jahrmillionen bereits erlebt hat. Auch die Explosion einer Erdgaslagerstätte erscheint möglich.

Doch nun wollen Experten verschiedener italienischer Forschungsinstitute um Luca Gasperini aus Bologna einen Einschlagkrater entdeckt haben. Er finde sich acht Kilometer vom Zentrum der Katastrophe entfernt und stamme von dem Bruchstück einer kosmischen Bombe, deren Hauptteil in der Luft verglüht sei. Die Mulde liege auf der vermuteten Flugbahn des Asteroiden. Heute füllt sie der Tscheko-See.

Die Trichterform des Seebeckens deute auf einen Einschlagkrater, schreiben die Wissenschafter im Fachblatt Terra Nova. Zudem entdeckten Gasperini und seine Kollegen, dass zehn Meter unterhalb des Seegrundes die Erde außergewöhnlich hart ist - eine Quetschung infolge des Aufpralls, so ihre Vermutung.

Schallwellen, mit denen sie den Boden vermessen haben, wurden an dieser Schicht reflektiert. Dass konzentrische Auswurfringe - charakteristisches Merkmal eines Meteoritenkraters - fehlten, liege am gashaltigen Matschboden, der einen Großteil der Aufprallenergie verschluckt habe.

Ob die Daten andere Forscher überzeugen, erscheint ungewiss, viele Widersprüche bleiben offen. Auch die neue Studie vermag nicht zu erklären, warum es offenbar mehrere Explosionen am Himmel gab. Sie lagen seltsamerweise nicht auf einer Flugbahn. Und ausgerechnet nahe der Explosionszentren blieben viele Bäume unbeschädigt. Das größte Problem bereiten den Wissenschaftern aber fehlende Meteoritenfragmente.

Die italienischen Experten sind seit den 1990er-Jahren fast jedes Jahr nach Tunguska gefahren. Doch sie konnten nicht ein kosmisches Körnchen finden. Mit einer tiefen Bohrung in den Grund des Tscheko-Sees hoffen die Forscher, demnächst welche zu entdecken. (Axel Bojanowski/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29./30. 6. 2007)

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