"Königsmacher" sitzt nun selbst auf dem Thron

29. Oktober 2007, 14:51
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Seit sechs Jahren gab es keinen Mann mehr an der Spitze der Hochschülerschaft - Nun übernimmt Hartwig Brandl den Vorsitz

Keine Jubelpose, kein Freudenschrei, keine überschwänglichen Umarmungen. Hartwig Brandl reagierte auf seine Wahl zum Vorsitzenden der Österreichischen Hochschülerschaft so, wie man sich das von einem Techniker stereotyperweise erwartet – ruhig und weit gehend emotionslos.

Grund zum Jubeln hätte es allemal gegeben, denn Brandls Plan ist ganz und gar aufgegangen: sondieren, taktieren, paktieren. Beide möglichen Koalitionspartner, nämlich die VP-nahe Aktionsgemeinschaft und die rot-grünen Studierenden, wurden vom unabhängigen "Königsmacher" buchstäblich bis zur letzten Minute hingehalten. Erst ganz kurz vor der entscheidenden Sitzung unterschrieb Brandl das Koalitionspapier mit dem Verband Sozialistischer StudentInnen (VSStÖ) und den Grünen und Alternativen StudentInnen (GRAS). Und fand sich so als Wahldritter plötzlich auf Platz eins wieder.

Neben dem ÖH-Vorsitz steht Brandl in den kommenden Monaten auch noch vor einer zweiten großen Herausforderung: Sein Telematik-Studium in Graz, das er mittlerweile im zehnten Semester betreibt, soll endlich zu einem Bachelor-Abschluss kommen. Mit dem Master-Studium soll dann der Umzug nach Wien folgen, was auch das Dasein als ÖH-Vorsitzender wesentlich erleichtern wird. "Ich bin in den letzten Wochen ständig im Zug von Graz nach Wien und zurück gesessen. Die Schaffner haben mich schon mit Namen begrüßt."

Dass der 24-Jährige Grazer nun ÖH-Vorsitzender ist, ist in zweierlei Hinsicht ein Novum. Noch nie war ein Kandidat der unabhängigen Fachschaftslisten ÖH-Chef. Und: Seit sechs Jahren gab es keinen Mann mehr an der Spitze der Hochschülerschaft. Die von VSStÖ und GRAS so heiß geliebten Gender-Themen will Brandl aber künftig keinesfalls unter den Tisch kehren: Man liege hier inhaltlich sehr nahe beieinander.

Apropos Inhalte: Je öfter ihm die AG eine linke Gesinnung unterstellt, desto mehr pocht Brandl auf seine parteipolitische Unabhängigkeit. "Natürlich" hat auch der Spitzenkandidat der Fachschaftslisten eine persönliche politische Meinung, die er aber nicht öffentlich kundtun will. Interessiert habe ihn Politik "irgendwie schon immer". "Mein Vater ist seit Jahren Standard-Leser, und mit dieser Lektüre wurde auch ich politisch sozialisiert." Sein ÖH-Engagement begann Brandl ganz unpolitisch als Mitarbeiter der Basisgruppe Informatik an der TU Graz.

Künftig wird Brandl nicht nur "nach unten", sondern auch "nach oben" Kontakte pflegen müssen. Wie er die Zusammenarbeit mit VP-Wissenschaftsminister Johannes Hahn anlegen will? "Kritisch, wenn notwendig, aber vor allem pragmatisch und konstruktiv." Eben durch und durch Techniker. (Andrea Heigl/DER STANDARD-Printausgabe, 30. Juni/1. Juli 2007)

  • Hartwig Brandl (24) steht nun an der Spitze der ÖH – unterstützt von Rot-Grün.

    Hartwig Brandl (24) steht nun an der Spitze der ÖH – unterstützt von Rot-Grün.

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