Krimischiene: Vielschichtig vegetarisch

6. Juli 2007, 15:18
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Wiener Blut - Ostfriesenkiller - Der Schatten des Geldes - Shanghai Dinner

Vielschichtiges Wien

Im Wien der Jahrhundertwende ist das Duo aus Kriminalinspektor Rheinhardt und dem Psychoanalytiker Liebermann zum zweiten Mal auf Verbrecherjagd. Jemand hat mehrere Prostituierte umgebracht und verstümmelt. Frank Tallis Krimi Wiener Blut (Deutsch: Lotta Rüegger , Holger Wolandt, € 12,40, btb) schildert die Parallelwelten des Großbürgertums, des Militärs, der jüdischen Intellektuellen und der aus der öffentlichen Sichtbarkeit verbannten Immigranten. Aufklärerische Freimaurer gegen mythisch-germanischen Nationalismus, moderne Kunst gegen Heimattümelei, der Skandal studierender Frauen und die anrüchige Psychoanalyse ergeben ein explosives Gemisch, das Fanatiker auf den Plan ruft. Auf 536 Seiten entsteht ein Sittengemälde aus einer Zeit, als die neuen Erkenntnisse der Wissenschaften auch die Kriminologie revolutionierten.

Flotte Ostfriesen

Hauptkommissarin Ann Kathrin Klaasen stellt ihrem fremdgehenden Ehemann die längst fällige Frage: Familie oder Freundin? Er entscheidet sich für Auszug und nimmt den gemeinsamen Sohn gleich mit. Ann ist am Boden zerstört. Vor dem totalen Absturz bewahrt sie nur ein besonders komplizierter Fall. Jemand bringt planvoll die Mitglieder eines Vereins um, der Behinderte betreut, und entwickelt in der Wahl der Waffen eine beträchtliche Fantasie. Klaus-Peter-Wolf legt in Ostfriesenkiller (€ 9,20, Fischer Taschenbuchverlag) ein flottes Tempo vor. Hier spielt keiner heile Welt. Geht es um simple Erbschleicherei oder die sexuelle Ausbeutung von Unmündigen? Ann gewinnt eine seltsame Freundin und Einblick in ein schwieriges Beziehungsgeflecht, außerdem muss sie sich die Frage stellen, ob der Job es wert ist, dafür die Familie aufzugeben.

Wilde Schweiz

Es sieht aus wie ein Selbstmord: Der Mann wurde entlassen, hatte hohe Schulden und eine undurchsichtige Freundin, eine ahnungslose Ehefrau, zwei Kinder und eine russische Pistole. Die hat er sich an den Kopf gehalten und abgedrückt. Irgendwie unlogisch, dass der Linkshänder dafür die rechte Hand benützt hat, am selben Tag eine Urlaubsreise mit Familie gebucht hatte und die Abschiedsnotiz nicht von ihm geschrieben wurde. Marc Steiner von der Kripo Zürich, der Talent hat, sich selbst in Schwierigkeiten zu bringen, wittert Unrat und beginnt, Indizien zusammenzutragen. Dabei kommt er russischen Geldwäschern in die Quere. Der Schatten des Geldes (€ 10,20, Pendragon) ist ein wilder Krimi aus der ruhigen Schweizer Bankenwelt. Stefan Naglis sollte allerdings seine klischeehaften Formulierungen reduzieren und mehr auf die Sprache zu achten.

Vegetarisches Shanghai

Der wunderliche Feng-Shui-Meister C. F. Wong amtiert wieder! Im neuen Büro in Schanghai erhofft sich der Geomant eine Statusverbesserung und einflussreiche Kunden. Er wird in einen exklusiven Klub eingeladen: Dort werden in asiatischer Tradition diverse Tiere vor den Gästen zugerichtet und noch lebend serviert. Die schräge Fress-Orgie stürmen Veganer, die den Gourmets dasselbe Schicksal angedeihen lassen wie den Tieren. Doch steckt dahinter ein Plan. Der Vegetarismus-Schmäh dient als Tarnung für Terroristen, die den amerikanischen Präsidenten während seines Besuches in Schanghai ermorden wollen. Wie gehabt bietet Nuri Vittachis Shanghai Dinner (Deutsch: Ursula Ballin, € 19,95, Unionsverlag) einen surrealen Zusammenprall der Kulturen, aberwitzige Slapstick-Szenen, weise Sprüche und Rettung in allerletzter Minute.

(Ingeborg Sperl, ALBUM/DER STANDARD/Printausgabe, 30.06/01.07.2007)

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    cover: unionsverlag
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