Essay: Zur 76. Sonnenumrundung

6. Juli 2007, 15:18
posten

Das wunderliche Werk von Ror Wolf samt zweier Bücher zum Geburtstag

In Raoul Tranchirers Enzyklopädie für unerschrockene Leser, die Ror Wolf über mehr als zwei Dezennien zum Orientierungsvergnügen sowie zur Lesehilfe als "vielseitigen großen Ratschläger für alle Fälle der Welt" veröffentlicht hat, könnte stehen: Geburtstage feiern Feste der Arithmetik, "doch alles andere später". Hier jedoch Folgendes, frei nach Gerhard Amanshauser: Nun ist es für Ror Wolf genau 75-mal um die Sonne gegangen.

Die poetischen Weltvermessungen dieses Sprachkünstlers, der am 29. Juni 1932 in Thüringen geboren wurde, 1953 die DDR verließ und jetzt "nach 43 Umsiedlungen" in Mainz lebt, sind wunderbare, wunderliche Wortirritationen und Collagen, auf der abgewandelten Linie sowohl von Dada und Surrealismus als auch von Morgenstern, Ringelnatz und gelegentlich von Karl Valentin. Mit dem vorgefundenen Bild- und Sprachmaterial sowie mit einer ausgeprägten, ironischen Fantasie schafft Ror Wolf komische, melancholische Texte und Illustrationen, die er in einem umfassenden System aus jeweils variantenreich wieder aufgenommenen Figurennamen, Orten, Motiven, Vorgängen, Formen zu einem großen Werkzusammenhang verbindet. Seine Leser kennen die Expertengruppe, die "Mitarbeiter der Wirklichkeitsfabrik" um den Vivisektor Raoul Tranchirer, besonders die Herren Collunder, Scheizhofer, Wobser und natürlich Nagelschmitz.

"Gut war auch Nagelschmitz. Ach, gehen wir weiter", dichtet Ror Wolf in einer der Deutschen Endspiel-Stanzen 1977 über das Match Bayern München gegen Eintracht Frankfurt von 1932. Konkrete Poesie mit rundem Leder ist eine der Gattungen, wenn nicht die Erfindung von Wolf, der aus einem breiten Fundus an Geschichten und historischem Wissen, aus dem Volksvermögen und dem Phrasenkästchen schöpft. Seine bekanntesten Kicktitel zeigen eine tautologische Spiel-Welt-Erklärung und eine gängige Ausredeformel als repetitive Zukunftsschau an: der Band Punkt ist Punkt (1971), der im Deutschen den Fußball zum literaturfähigen Thema machte, und Das nächste Spiel ist immer das schwerste (1990).

Mit Nagelschmitz setzt 2005 Ror Wolf sein letztes Panoptikum ein, Raoul Tranchirers Bemerkungen über die Stille, bebildert mit mit Collagen im 1900-Stil, im Inneren des Covers eine weit herausgestreckte Zunge. Am Schluss verkündet Collunder das unwiderrufliche Ende der Serie, nachdem schon 1994 Tranchirers letzte Gedanken über die Vermehrung der Lust und des Schreckens erschienen war. Als eines der Prinzipien verschreibt der Dichter seiner Wirklichkeitsfabrik jenes der folgenlosen Ankündigung, die das System des unironischen Genres der Enzyklopädie ins Ironisch-Beliebige laufen lässt, von A bis V, dem Stichwort "Ausflugsdampfer" über "Nudelsuppe" bis "Vorwärtsschieben". Programmatisch bietet etwa der Artikel "Flamingo" nichts Erhellendes zum Thema, sondern den Sieg der Formalisierung über die Inventarisierung: "Zum Schluß noch einige abschließende Worte über die Hauptsache." Punktum, aus. Und geht einmal "Unerhörtes" vor, so nicht wie bei den Dadaisten als sublimer Punkt im panta rhei, vielmehr – das heißt viel weniger – im Unklaren der zu großen Distanz, "daß niemand von uns, weder Wobser, der gerade hereinkam, noch Nagelschmitz, der neben mir stand, zu behaupten wagte, er habe von diesem Vorgang auch nur ein kleines Stück erkennen können." So weit im Eintrag "Aussicht". Diese universelle Bestandsaufnahme erweist sich als absurdes Unterfangen, als Musterexposition des Populären und bringt köstliche literarische Absonderlichkeiten als kompaktes Werk in Bruchstücken hervor.

Zur Feier der Lebensarithmetik präsentiert der Verlag nun zwei Bücher von Ror Wolf, die Lyriksammlung Pfeifers Reisen und die wesentlich erweiterte Fassung des 2003 erstmals publizierten Prosabandes Zwei oder drei Jahre später. Diese "Neunundvierzig Ausschweifungen" sind kurze Nachrichten aus dem Unbedeutenden und Unpräzisen, oft auch Miniaturen in ein paar Sätzen, dramatische Ereignisse ohne weitere Zusammenhänge, Formelanekdoten ohne Pointe. Wie ein narrativer Springteufel setzen sie immer wieder an, um in Abwiegelungen aufzugehen, in die Phrasenschachtel zurückzukehren.

Die Orte der ungefähren Handlungen und Reisen ("nach Norden", "nach Süden") finden sich am Rhein, auch in Amerika konzentriert, bevorzugt heißen sie Marl, Schleiz, Olm und liefern die Andeutung einer möglichen Buchstabenverschiebung mit. Die Titel kündigen "Ein Unglück im Westen, am 13. Mai" an, "Eine fast vollständige Schilderung des Zustandes in ich glaube Waabs" oder bedeutende Gleichzeitigkeiten "In einer französischen Küche. In einem See in der Schweiz. In einem Schrank in Berlin". Sodann macht sich der Dichter ein Plaisir daraus, mit den Erwartungen umzuspringen. Die Figuren sind mit Ausnahme der Expertengruppe meist "Unbekannte", "ein Herr", "eine Dame", deren Namen wie viele Vorgänge ausdrücklich vergessen wurden oder "nichts zur Sache tun". Es sei "nicht nötig, ausführlicher darauf einzugehen", anderes sei "aber ganz unbedeutend und kaum der Erwähnung wert". Erzählend wird das Erzählen verweigert, eine Übung, die kaum jemand so paradox, so weitgehend betreibt wie Ror Wolf, ein Meister der Poesie des Konters. Er inszeniert Redeweisen, Verschiebungen und Relativierungen: "Aber vielleicht war es anders. Vielleicht täusche ich mich in diesem Punkt." Ausgerechnet in einem der längeren Texte steht nach dem ersten Drittel "um es kurz zu machen", und unter dem bezeichnend redundanten Titel "Eines Tages, am Donnerstag, im Dezember" heißt es: "Ich gab diesem Mann einen Namen, der mir aber entfallen ist. Ich begrüßte ihn freundlich und schüttelte ihm die Hand. Guten Abend, Herr Wong." Weniges ist sicher, Gegen-Sätze lauern überall. Die vorgeblich letzte, die 49. Ausschweifung zieht dann das Verfahren tatsächlich in die Länge von zwölf Kapiteln über eine merkwürdige Weltreise, die auf Notizen zu einem Lebensbericht fußen, durchsetzt mit Trivialitätspartikeln und Vortragsformeln: "ich überspringe die nächsten Seiten in meinen Aufzeichnungen". Nach dem Erzählköder die Verweigerung, amüsant und hinterlistig gestaltet, somit die Narration als Spiel mit Erfundenem und mit Bruchstücken vorgeführt.

Ein eigenartiges gereimtes Redeweisenkabinett hat Ror Wolf in Pfeifers Reisen zusammengestellt. Vier große Abschnitte versammeln Gedichte, von denen einige auch schon älteren Datums sind. Unauffällige Nonsens-Verse stehen neben auftrumpfenden Selbstverständlichkeiten, dadurch relativieren sich – wie stets in Wolfs Dichtung – die gewohnten Wertigkeiten. Diese lyrischen Abschweifungen entstammen demselben poetischen Universum wie die Prosa, bezeichnend für diese Manier heißen sie "Q und die Stimmung im allgemeinen" oder "Einige unnötige Andeutungen über irgendetwas". Sie bieten die Abenteuer und Ansichten der Herren Waldmann, Pfeifer und Q sowie "Neunzig Gelegenheitsgedichte aus dem Nachlaß", manche durchaus in skurriler Nachfolge von Wilhelm Busch: "Diese Welt: auf ihrem dicken Bauch / geht es weiter und ich gehe auch" oder "Waldmann hebt die Hand und sagt vergnügt: / Nun ist Ruhe, doch die Ruhe trügt." Es trügt auch die scheinbare formale Ruhe dieser genau gebauten Strophen, die durchaus ihre inhaltliche Contenance verlieren können wie "Nach dem Öffnen des sechsten Bieres im Mai": "so wie so was so dies und das so mund / so nass so blass so krass so stoch so loch / so hier so gier so bier so schlund so und".

Wiederholt variiert der Poet die gleichen Bilder und Motive: Hotels und Damen, Pfeife und Hut, das Fallen und der Regen, die Monate und die Himmelsrichtungen. Dabei lässt das lyrische Ich den Aufbau und die Form nicht unerwähnt, setzt also das Dichten und das Bedichtete auf dieselbe Ebene: "Doch schon in der übernächsten Zeile, / kurz vor Bottrop, einem hübschen Ort / steckt er seine Pfeife einfach fort / und gerät in große Langeweile". Freilich ist mit beiden Büchern auf einmal des Guten viel getan. Sie gehen in die Breite, während im letzten Tranchirer-Band die Eigentümlichkeit in der Konzentration zugespitzt ist. Mag man bei der Lektüre nicht allen Ausschweifungen entsprechend folgen, so empfiehlt sich je ein Stückchen pro Erdrotation anlässlich des Dichters 76. Sonnenumrundung. "Doch alles andere später". (Klaus Zeyringer, ALBUM/DER STANDARD/Printausgabe, 30.06/01.07.2007)

Ror Wolf, "Zwei oder drei Jahre später. Neunundvierzig Ausschweifungen". € 19,50/200 Seiten.
Ror Wolf, "Pfeifers Reisen". Gedichte. € 20,50/257 Seiten.
Beide: Frankfurt am Main, Schöffling 2007.

Klaus Zeyringer ist Professor für Germanistik an der Université de l’Ouest in Angers.
  • "Das nächste Spiel ist das schwerste." Immer noch. Am 29. Juni wird Ror Wolf, der grundsätzlich mit allem rechnet, 75 Jahre alt.
    foto: jürgen bauer

    "Das nächste Spiel ist das schwerste." Immer noch. Am 29. Juni wird Ror Wolf, der grundsätzlich mit allem rechnet, 75 Jahre alt.

Share if you care.