Stille, Qual und Phantomschmerz

6. Juli 2007, 15:18
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Peter Zimmermanns schnörkellose, grausame Antiidylle "Das tote Haus" lässt keine Fluchtbewegung zu

Als Eva Menasse, Redakteurin der FAZ, ihre Familiensaga Vienna ankündigte, eilte diesem literarischen Erstling ein großer Ruf voraus. Immerhin hatte das einflussreiche Blatt den Roman vorabgedruckt und ins Gespräch gebracht. Mitarbeiter österreichischer Redaktionen haben es da schwerer. Wie es scheint, vor allem Literaturredakteure des Kultursenders Ö1, denn dieser Sender ist nicht nur eines der qualitätvollsten Medien, in dem Literatur hierzulande verbreitet wird, sondern – sieht man einmal von alternativen Programmen bei FM4 oder Radio Orange ab, auch das einzige. Ein Ö1-Redakteur kann aber in seinem eigenen Medium nicht Werbung für sich selbst machen. Somit herrscht weitgehend Funkstille, wenn Peter Zimmermann, der seit 1989 beim Sender mitarbeitet und seit 2002 das Bücherradio ex libris betreut, seinen dritten und bisher besten Roman veröffentlicht.

Stille herrscht auch im Roman, der zwischen den Sümpfen Louisianas und der südlichen Provinz Österreichs lokalisiert ist. Eine so atemberaubende wie dumpfe Stille, die eingetreten ist, als der noch jugendliche Protagonist seine Eltern ermordet hat. Seither ist er süchtig nach dieser Stille, die er mit Angst-Lust sucht. Baut sich in seinem Fluchtort in der Fremde einen schalldichten Bunker und kommt doch nicht los von seiner Geschichte. Heuert einen stummen Gefährten an, "den Neger", dem der Ku-Klux-Klan die Zunge herausgeschnitten hat, und denkt nach, über diesen Mann, der ihm nichts erzählen kann. Weit mehr denkt er nach über diese Gräueltat als über den Mord, für den er sich selbst kaum verantwortlich fühlt. Ein Mord, der trotz durchschnittlicher trister Kindheit in der Provinz, an die sich der Protagonist erinnert, nicht psychologisch erklärt wird oder erklärt werden soll. Es bleibt ein Geheimnis um dieses Verbrechen, das einfach passiert, im so genannten verzauberten Zimmer, in das der Junge verbannt wurde, wenn das Leben der Erwachsenen ohne ihn weiterging.

Nur der Affe mit Akrobatenfamilie, Figuren eines Wandgemäldes, mit denen der Junge seine Einsamkeit geteilt hat, haben es gesehen. Die Großeltern entdecken den Mord, der Großvater nimmt ihn auf sich, bevor er seinem Leben ein Ende setzt. Der Großmutter ist das ganz recht, sie hat ihren Mann gehasst, der ständig hinter jüngeren Frauen her war. Den Enkel hat sie geliebt. Trotzdem vererbt sie das Haus nicht ihm, sondern seinem Halbbruder, der es nicht haben will und weiterschenkt.

Der verlorene Enkel kommt zurück, um das Haus seiner Kindheit wieder in Besitz zu nehmen. Die Stille hat nicht geholfen, also versucht er seine Erinnerung in Gestalt des Hauses auszulöschen. Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn dieses Haus ein Hort der Kommunikation gewesen wäre. Es war aber ein Hort der Gedanken- und Sprachlosigkeit. Nun wird umgekrempelt, entrümpelt, entkernt. Es ist erst recht kein freundlich-einladendes Heim, das hier entsteht, sondern eine Festung gegen den umliegenden Ort, denn der Rückkehrer ist alles andere als willkommen. Noch unwillkommener ist sein Begleiter, "der Neger", den er in lächerliche Knickerbockers gesteckt hat. Eines Tages wird er zum Opfer der provinziellen Umgebung, die nicht dulden kann, was ihr fremd ist.

Der Heimkehrer aber lebt weiter, in seinem toten Haus und erschrickt vor seinem eigenen Spiegelbild. Am Schluss ist auch die Stille wieder da, "eine Art Phantomschmerz, eine Erinnerung an die Qual vielstimmiger Weltwahrnehmung". Peter Zimmermanns Roman, eine grausame Antiidylle in der Tradition Thomas Bernhards, ist schnörkellos erzählt, vielschichtig verwoben und eigenständig im Ton. Ein Antiheimatroman, der keine Fluchtbewegung zulässt, Literatur, die wehtut. (Eva Schobel, ALBUM/DER STANDARD/Printausgabe, 30.06/01.07.2007)

Peter Zimmermann, "Das tote Haus". Roman. € 29,60/189 Seiten. Kato-Verlag, Leipzig 2007.
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    cover: kato-verlag
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