Zynischer Zeuge der Zeremonie

1. Juli 2007, 19:14
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Herrlich böse: Evelyn Waugh und sein erster Reisebericht aus Afrika

Ich bin ein ziemlich schlechter Journalist. Zugegeben, nur ein Schwachkopf könnte diesen speziellen Job gut machen." Selbst für jene Profession, der er seine erste Reise nach Afrika verdankte, hatte der britische Schriftsteller Evelyn Waugh (1903–1966) nur Spott übrig.

Halb aus Jux und halb aus Ennui hatte sich der junge Snob im Herbst 1930 entschlossen, zu den Krönungsfeierlichkeiten von Haile Selassie ins damalige Abessinien zu reisen, um von dort für die Times und den Daily Mirror zu berichten. Am Ende kam neben seinen nicht allzu erfolgreichen Korrespondentenberichten auch ein grandioses, tiefschwarzes Reisebuch dabei heraus, das unter dem Titel Befremdliche Völker, seltsame Sitten nun endlich in deutscher Übersetzung vorliegt.

Auf Englisch hieß der Bericht Remote People, erschien bereits 1931 und wurde stilbildend für die britische Reiseliteratur. Denn erstmals berichtete da einer nicht euphorisch über bestandene Abenteuer, sondern mit viel Humor und noch mehr Spott über die Missgeschicke und Peinlichkeiten, aber auch über die Langeweile einer Reise. Eric Newby, Nigel Barley oder Redmond O’Hanlon, denen wir die unterhaltsamsten Schilderungen aller nur denkbaren Reisekatastrophen verdanken – sie alle nahmen sich an Waughs Remote People ein Vorbild. Waugh war gerade 27, als er kurzentschlossen nach Afrika aufbrach. Als Schriftsteller hatte er sich gerade mit seinem ersten Roman einen Namen gemacht, in harter Konkurrenz mit seinem Bruder und seinem Vater, die ebenfalls literarisch tätig waren. Außerdem war er ziemlich frisch geschieden (von einer Frau, die ebenfalls Evelyn hieß) eben erst zum katholischen Glauben übergetreten – und menschlich ein durch und durch unsympathischer Snob.

Doch gerade aufgrund seiner spöttischen Distanz, seiner fehlenden Empathie und seiner menschlichen Kälte gelingt es Waugh, unter der heißen Sonne Afrikas mehr von der kolonialen Wirklichkeit zu erfassen als die übrigen Korrespondentenkollegen, die zu der Krönungszeremonie angereist waren. Schon bei seiner von allerlei Fährnissen begleiteten Anreise fragt sich Waugh beständig, wozu der ganze Aufwand gut sein soll.

Seine Eindrücke von der zehntägigen Zeremonie haben dann so gar nichts von jenem exotischen Kitsch, den die anderen Journalisten an ihre Redaktionen übermitteln und über den sich Waugh ebenso lustig macht wie über deren Vorab-Berichterstattung. Denn um rechtzeitig in der Montagsausgabe zu sein, berichten die Kollegen bereits Details der Krönung, ohne überhaupt noch zu wissen, wo diese überhaupt stattfindet.

Waugh ist mit seinen Berichten für die Daily Mail notorisch zu spät dran – und findet die ganze gigantomanische Inszenierung ähnlich glaubwürdig wie Alice im Wunderland. Statt der Erhabenheit des Fremden hält er sich im Buch seitenlang mit peinlichen ausländischen Gesandten auf, mit Damen, die "zu dumm sind, um irgend etwas zu sehen", mit ahnungslosen Wissenschaftern und eben: den ihm verhassten Journalisten.

Waughs Erlebnisse in diesen Tagen werden später im Übrigen auch Grundlage gleich zweier Romane: von Black Mischief (1932) und von Scoop – Der Knüller (1938). "Niemals zuvor ist das Karussell der rund um den Globus reisenden Krisenreporter nach einem Knüller besser beschrieben worden als in Scoop", urteilte kürzlich Prinz Asfa-Wossen Asserate. Und Daniel Kehlmann erklärte das satirische Meisterwerk unlängst gar zur Pflichtlektüre für angehende Journalisten und Diplomaten.

Nach der pompös-grotesken Zeremonie, der die erste Hälfte des Buchs gewidmet ist, tut sich Waugh in den umliegenden Ländern um, die im Gegensatz zum unabhängigen Abessinien damals samt und sonders Teil des britischen Reiches waren: Er übt sich als Bergsteiger im Jemen, bereist Sansibar, Dschibuti, Tanganjika, Uganda sowie Belgisch-Kongo und begibt sich dabei in Bordelle ebenso wie in Bergklöster, stets auf Tuchfühlung mit dem allzu Menschlichen und seiner unfreiwilligen Komik. Doch Waugh nimmt nicht nur das Leben der "Eingeborenen" auf die Schaufel, sondern ätzt auch bitterböse über das seltsame Gebaren der kolonialen Herrscher. Und so sind diese Expeditionen eines englischen Gentleman weniger eine Reise ins Herz der Finsternis als: ein Herz der Finsternis auf Reisen.

"Glücklichere Menschen beobachten Vögel, ich beobachte Menschen. Die sind weni-ger schön anzusehen, aber vielfältiger", so Waugh über Waugh, dessen Wiedersehen mit Brideshead es in die Time-Liste der 100 besten Romane aller Zeiten geschafft hat und nächstes Jahr neu verfilmt ins Kino kommen wird. Seinen Bewunderern macht es der grandiose Satiriker allerdings alles andere als leicht. Sein britischer Kollege George Orwell bescheinigte Waugh, als Romanautor so gut zu sein, wie es nur eben geht, dabei jedoch "unhaltbare Meinungen" zu vertreten. Kein Schriftsteller habe seine Zeitgenossen so vor den Kopf gestoßen wie er. Tatsächlich neigte Waugh zum Antisemitismus und Rassismus, war Anhänger Mussolinis. Seinem parteiischen Bericht über einen Giftgasangriff der Italiener auf die Äthiopier ließ er in einem späteren Reisebericht zwar streichen, distanzierte sich davon aber nie.

All das sind gute Gründe, den Menschen Evelyn Waugh nicht zu mögen. Den herrlich bösen Reiseschriftsteller sollte man sich deshalb aber keinesfalls entgehen lassen. (Klaus Taschwer, ALBUM/DER STANDARD/Printausgabe, 30.06/01.07.2007)

Evelyn Waugh<, "befremdliche völker, seltsame sitten. expeditionen eines englischen gentleman". aus dem englischen von matthias fienbork. mit historischen fotos und einem nachwort von rainer wieland. € 28,30/325 seiten. eichborn verlag (die andere bibliothek), frankfurt/main 2007. "befremdliche="" völker,="" seltsame="" sitten.="" expeditionen="" eines="" englischen="" gentleman".="" aus="" dem="" englischen="" von="" matthias="" fienbork.="" mit="" historischen="" fotos="" und="" einem="" nachwort="" von="" rainer="" wieland.="" €="" 28,30/325="" seiten.="" eichborn="" verlag="" (die="" andere="" bibliothek),="" frankfurt/main="">
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