Ein Zeitdieb, ein Zeitbesitzer

6. Juli 2007, 15:18
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Wolfgang Hermann enthält sich auch in zwei neuen Büchern großer Gesten

Vor eineinhalb Jahren erschien im Deuticke Verlag ein Buch mit dem unscheinbaren und doch im Gedächtnis haften bleibenden Titel Herr Faustini verreist. Der deutsche Autor Peter Henning nannte es damals "hinreißend" und meinte, Wolfgang Hermann, der Verfasser, sei nun vom Fragmentaristen zum Erzähler gereift. Mag sein, dass Henning damit früheren Arbeiten Hermanns Unrecht tat, zumal Fragmentarismus und Erzählen sich nicht unbedingt ausschließen. Vielleicht meint der Befund ja einfach, Hermann habe zu einer Art erzählerischer Harmonie gefunden. De facto gehört auch Herr Faustini zu jenem Genre, das bei Cineasten Roadmovie heißt und von Hermann von jeher gepflegt wird.

Die Straße kann auch ein Weg sein, ein Pfad am Fluss oder eine Promenade am See, eine Bahnlinie und sogar die eigene Wohnung. Herr Faustini ist, mit den Worten seines Schöpfers, ein "Miniaturreisender", dessen Tätigkeit in erster Linie darin besteht, Wahrnehmungsbilder aufzunehmen und miteinander zu verbinden. Dass sich dabei ein erzählerischer Sog ergibt, liegt vielleicht nur an der geschickten, unaufdringlichen Inszenierung einer Grundproblematik, die in verschiedenen Varianten ebenfalls das Werk Wolfgang Hermanns, der heuer mit dem Anton Wildgans Preis ausgezeichnet wird, durchzieht: Es ist das leise oder leichte oder geringfügige Danebenstehen der Hauptfigur, die auf Abstand zum alltäglichen Getriebe der Beflissenen geht oder durch ein Ereignis, eine Störung, einen Schicksalsschlag, um es archaisch zu sagen, aus der gewohnten Bahn geworfen wird.

Es ist auch, und darin liegt womöglich die Reife Hermanns, jene Art von Gelassenheit, die er hin und wieder besingt und die in literarischer Hinsicht das Geschehen von Übergängen ermöglicht, ein Gleiten von Sätzen und Szenen, von Bildern und Wörtern, das genügt, um jenen Spannungsbogen zu erzeugen, den konventionelle Romanciers mit großem Konstruktionsaufwand zu erreichen versuchen und oft nicht erreichen.

Wenn die Erzählungen noch kleiner sind als in Herr Faustini verreist und sich einem größeren Gewebe verweigern, rümpfen die Verleger die Nase. Dabei haben derlei Erzählminiaturen keinen geringeren literarischen Wert als dicke Romane, und auch das Glück, das sie einem aufmerksamen Leser durch ihre höhere sprachliche Verdichtung gewähren können, ist nicht geringer – im Gegenteil.

Zwei Bücher von Hermann, unlängst in Verlagen mit regionalem Wirkungskreis erschienen, legen davon einmal mehr Zeugnis ab. Diese Regionalität fügt sich gut zu den Erzählungen selbst, die sich der großen Geste enthalten, vom Haus ausgehen und vor Ort bleiben. So verstandene Regionalität begleitet die globalen Erfahrungen, die Hermann gewiss nicht fremd sind: Es genügt, Titel wie Das japanische Fährtenbuch oder Paris Berlin New York zu nennen. Daseinsintensität kann überall sein, hier wie dort, verstreut über die Erdkugel. Es geht darum, die schale Vertrautheit aufzubrechen, an der Kruste der Eile und Uniformierung zu kratzen und zu staunen über das, was zum Vorschein kommt. "Die Eiligen mit dem Mobiltelefon sind nur als Pfeil da. Sie nehmen keine Notiz von ihrer Umwelt, automatisch schicken sie sich bei grün über die Ampel."

Notiz nehmen, Automatismen stoppen – damit ist schon das Gegenprogramm des Dichters umrissen. Denn "es gibt sie noch, die Langsamen, da und dort einen von ihnen, einen Zeitdieb, einen Zeitbesitzer …" Mit solchen Betrachtungen beginnt die Erzählung Die Treppe in dem Band Die Unwirklichkeit, der allerlei kurze Prosastücke versammelt, Berichte von und über faustinische Figuren.

Fremdes Ufer, der zweite kürzlich erschienene Band, enthält neben dem 2002 entstandenen Flußland auch zwei ältere Texte Hermanns, die den Abstand sinnfällig machen, der zwischen den Entwicklungsphasen des Autors liegt. Auf sie trifft die Selbstbezeichnung "Legenden" zu, jedenfalls insofern, als es sich um abgehobene Erzählungen handelt, die im Unterschied zu den neueren Texten Hermanns einen Anspruch auf Geschlossenheit erheben, um die Darstellung einer totalitären Welt formal realisieren zu können.

Während es im "Ostreich" fantastisch zugeht und Bezüge zu außerliterarischen Wirklichkeiten kaum auszumachen sind (das Kaleidoskop der Fragmente erinnert an die unsichtbaren Städte Italo Calvinos), scheint Fremdes Ufer, 1992 entstanden, eine Gesellschaft wie die DDR zum Modell zu nehmen. Vom realen Totalitarismus hebt sich diese archaisierende Erzählung nur wenig ab, und sie enthält auch, wie in der deutsch-deutschen Literatur vor und nach der Wende üblich, eine Liebesgeschichte, die mit der Teilung in Gestalt einer Grenzmauer samt Stacheldraht und Selbstschussapparaten zu ringen hat.

Aus den beiden fantastisch-archaisierend-märchenhaften Texten weht eine scharfe Kälte, die Sätze sind wie gemeißelt, sie stehen einsam im Wind. Anders die späteren, nach der Jahrhundertwende entstandenen Texte, die sich durch eine Wärme auszeichnen: Wärme der Sätze, die nach Gesellschaft – also nach Fortsetzung – verlangen; Wärme des Blicks des Erzählers, der um die Hinfälligkeit der beschriebenen Phänomene, um die Relativität der Wahrnehmung in einer tausendschichtigen Welt weiß und diese Eigenschaften für seine Notizen, seien sie schriftlicher oder visueller Natur, zu nützen trachtet.

Das heißt nicht, dass Hermann, zur "Reife" gekommen, den Zeitgeist hingenommen hätte oder schockierende Erfahrungen aussparen würde. Nein, manche der faustinischen Abrückungen sind durch Schocks bedingt, und die Suche nach den Geheimfächern der Wirklichkeit – so ein Rezensent über Faustini – bleibt von kritischem Bewusstsein geleitet. Der Name, Faustini, ist eine Verkleinerung von Faust. Vielleicht deutet der Titel eine Relativierung, eine Umleitung des berühmt-berüchtigten faustischen Erkenntnisdrangs an. Oder aber, wenn wir beim Italienischen bleiben, das Versprechen eines kleineren Glücks: nicht Erlösung, sondern eine andere Ausfahrt, die der Rückzug ermöglicht. (Leopold Federmair, ALBUM/DER STANDARD/Printausgabe, 30.06/01.07.2007)

Wolfgang Hermann, "Fremdes Ufer". Legenden. € 14,50/100 Seiten. Hohenems, Bucher Verlag 2007.

Wolfgang Hermann, "Die Unwirklichkeit". Erzählungen. € 20,–/40 Seiten. Horn, Edition Thurnhof 2006.
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