See you later

7. Jänner 2008, 10:28
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Campus, Codes und Connecticut - Saskia Leopold über ihr Jahr an der Westminster High School im US-Kleinstadt Simsbury

Es hat mich einfach in die Ferne gezogen. Ich wollte eine andere Kultur kennen lernen und sehen, wie Gleichaltrige woanders leben.“ Saskia Leopold zieht die Schultern kaum merklich hoch, beugt den Kopf etwas zur Seite und lächelt. Die weite Ferne hat sich als abgeschottete Gemeinschaft auf einem Hügel in einer amerikanischen Kleinstadt entpuppt. Dort, auf einem Campus in Simsbury in Connecticut lebte und lernte die Wienerin die vergangenen zehn Monate. „Ich habe es mir schon belebter vorgestellt“, schildert die 17-Jährige ihre ersten Eindrücke bei der Ankunft in der 22.000-Einwohner-Stadt Mitte August 2006. „Es gibt viele Felder und Bauernhöfe. Im Zentrum gibt es einen Starbucks, ein Dunkin’ Donuts und ein paar Restaurants, viel mehr war nicht los.“

Rund 380 Schüler besuchen die Westminster High School, zwei Drittel davon sind Boarding Students und wohnen, wie auch Saskia, während der Schulzeit am Campus. Das bedeutet: Eine penible Einteilung des Schulalltags, spärliche Freizeit, 23 Uhr Bettruhe und Dresscode. „Ich bin mir oft schon sehr eingeschränkt vorgekommen und habe die Freiheit vermisst.“ Vor allem die Freiheit, ein breit gefächertes Angebot, wie Saskia es von Wien gewohnt war, nutzen zu können. Busse zu den Blockbuster-Kinos am Wochenende, ein Ausflug zur Apfelernte und Tanzveranstaltungen im Turnsaal bildeten die Eckpunkte des kulturellen Lebens von Simsbury. Trotzdem: Saskia betont immer wieder, dass sie die Erfahrungen keinesfalls missen möchte und froh ist, dass sie in den USA war. „Jetzt habe ich eine eigene Meinung aus erster Hand über das Land, worüber alle reden und worüber so viele Gerüchte in den Medien sind.“

Ein Jahr bevor sie in die USA ging, am Anfang der 6. Klasse in der Sir-Karl-Popper-Schule, haben Saskia, ihr Zwillingsbruder und ihre Eltern begonnen, sich über Möglichkeiten des Schulbesuchs im Ausland zu erkundigen. Ursprünglich wollte Saskia nach Spanien, dann wollte sie nach England, doch bald stellte sich heraus, dass es schwierig war, eine Organisation zu finden, bei der man Einfluss darauf hatte, in welchem Ort die Kinder schließlich landen. Die USA als Zielland haben sich dann aus dem Umstand ergeben, dass die Leopolds auf eine amerikanische Organisation stießen, die in ganz Europa Stipendien für amerikanische Privatschulen anbietet. „Auf den Public Schools ist das Niveau oft nicht so hoch, und ich wollte in der Schule nichts verpassen“, begründet Saskia die Wahl. In Connecticut, dem Bundesstaat mit dem höchsten Pro-Kopf-Einkommen in den USA, erwartete sie neben forderndem Unterricht die Gleichförmigkeit der aus unzähligen Filmen bekannten Suburbs: Einfamilienhäuser mit Garage, Vorgarten und Hund. Die zwei Wochen bis Schulbeginn verbrachte sie bei ihrer Gastfamilie – einer Grafikerin, einem Versicherungsangestellten und deren 17-jähriger Tochter Helena. „Ich hatte Glück, weil ich bei einer sehr offenen Familie war“, sagt Saskia. „Sie waren total anti Bush und enttäuscht von Amerika.“ Anfang September zog sie in eines der drei Wohngebäude am Campus, das für Mädchen reserviert ist, nur den Sonntag und die Ferien verbrachte sie mit ihrer neuen Gastfamilie. „Am Anfang war ich sehr zurückgenommen. Ich wollte keine Fehler beim Englischsprechen machen und habe mir gedacht, ich beobachte erst einmal. Ich war sehr still, das hat sich mit der Zeit gebessert.“ In der Schule war für soziale Kontakte gesorgt: Drei Mal pro Woche gab es ein formales Abendessen mit den am Campus untergebrachten Lehrern, die gleich ihre eigenen Kinder mitbrachten. „Wir wurden Tischen zugewiesen und hatten alle eine Art Familienabendessen zusammen“, erzählt Saskia, der es gefiel, auf diese Weise ein persönliches Verhältnis zu Lehrern und Mitschülern aufzubauen und nebenbei die Tischmanieren aufzubessern – diniert wurde in Abendgarderobe und nach ganz bestimmtem Ablauf.

Ende Juni, gerade erst wenige Tage wieder zurück in Wien, kommen Saskia immer wieder zuerst die englischen Wörter in den Sinn, wenn sie sich an bestimmte Ereignisse erinnert, bevor sie die passende deutsche Wendung findet. An ihrer Schule war sie die einzige Deutschsprachige und, bis im Halbjahr ein Engländer gekommen ist, die einzige Europäerin – die meisten der internationalen Schüler kamen aus Asien. „Am Anfang war es schon hart, ich musste mir immer die Wörter im Kopf zurechtlegen, bevor ich antworten konnte. Am Ende habe ich aber sogar im Halbschlaf Englisch gesprochen.“ Verwundert war die aufgeschlossene Schülerin über das geringe Interesse der meisten ihrer Mitschüler: „Es waren erstaunlich wenige, die spezifisch Fragen über Österreich gestellt haben oder gefragt haben: Na, wie ist es zu Hause?“ Nur eine Reaktion kam immer, wenn das Wort „Austria“ fiel: „The Sound of Music“. So oft wurde Saskia darauf angesprochen, dass sie sich das pathetische 60er-Jahre-Musical ansehen und danach feststellen musste: „Das ist ja wirklich eine Traumlandschaft und mehr eine Liebesgeschichte als irgendwas über Österreich.“ „Es hat mich erstaunt“, „Ich war schon überrascht“ – so beginnen viele Sätze von Saskia, wenn sie über das „amerikanische Leben“ spricht. Gewöhnungsbedürftig war für Saskia die überbordende Freundlichkeit der Menschen, die immer an der Kippe zur Oberflächlichkeit schrammt. „Ich hab am Anfang gedacht: Ah, die sind so nett, dass sie immer fragen: Hallo, wie geht’s? Dann wollte ich zu erzählen beginnen, aber die sind einfach weitergegangen. Ich wusste zuerst auch nicht, dass ,See you later‘ nicht heißt, dass man sich wirklich später sieht, sondern ,Tschüss‘.“ Andere Aspekte des High-School-Lebens waren Saskia schon aus Hollywood vertraut: Zum Beispiel, dass die Schüler aus den besten Sportteams die populärsten sind und auch später die besten Chancen auf einen guten College-Platz haben. Sport war überhaupt Fixpunkt eines jeden Schultages. Nach den Fachkursen am Vormittag und einer kurzen Mittagspause, wo meist noch eine Aufgabe im Sinne der Gemeinschaft, zum Beispiel Stiegenkehren, zu erledigen war, folgte ein zweistündiges Sporttraining. Für Saskia: Geländelauf im Herbst-, Schwimmen im Winter- und Tennis im Frühjahrstrimester. Die Sportstunden halfen ihr nicht nur, ihre Figur zu halten („es gab immer Kekse, immer Eiscreme, immer Kuchen“), sondern auch, Freundschaften zu schließen. Nach dem Sport kam das Abendessen, um 19.30 Uhr mussten alle auf ihren Zimmern sein, um bis 21.15 Uhr Hausaufgaben zu machen. Die nächsten 45 Minuten standen zur freien Verfügung, um zehn Uhr abends mussten alle im Wohngebäude „einchecken“. Trotz des strengen Reglements – Burschen durften nicht auf die Mädchenzimmer, Alkohol war natürlich verboten – gab es durchaus Beziehung zwischen den Schülern, erzählt Saskia: „Das konnten die Lehrer nicht kontrollieren.“ Denn das Klischee der prüden Amerikaner, die sich erst nach vielen Dates zu einem Kuss hinreißen lassen, bestätigte sich für Saskia gar nicht: „Ich habe viele Mädchen mit Knutschflecken gesehen – und die hatten gar keinen Freund.“ Gelegenheit für Treffen gab es auf Parkbänken und Sportplätzen, im Winter wurden die Eingangsbereiche der Wohngebäude, wo das jeweils andere Geschlecht hinein durfte, zum Pärchentreff. Und die Bibliothek: „Da musste man leise sein.“ Heftige Diskussionen ausgelöst hat außerdem der „Grinding“ oder „Freaking“ genannte Tanzstil, bei dem Mädels und Buben sehr intim miteinander tanzen – „wie in typischen MTV-Videos“. In der Schule wurde dem rasch Einhalt geboten und der Tanz verboten. Das Thema hat auch Saskia, die in Wien die Tanzschule Elmayer besucht, nicht kalt gelassen: „Die Leute haben gesagt: ,Wie sollen wir denn sonst tanzen?‘ Und ich aus Wien mit unseren Bällen ... Bei uns in der Disko tanzt man ja auch nicht so.“

Mitgenommen von ihrem Aufenthalt in Simsbury hat Saskia jedenfalls, „dass man von Anfang an offen sein und sich gut präsentieren muss, wenn man in eine neue Gemeinschaft kommt“. Noch einmal längere Zeit in einer amerikanischen Kleinstadt zu verbringen, kann sie sich nicht vorstellen, das wäre ihr als „Stadtmensch“ schlicht zu langweilig. Im Sommer wird die ehrgeizige Schülerin Latein nachlernen und den „Faust“ lesen, anderes hat sie durch den Unterricht in den USA ihren Mitschülern schon voraus. Ob es sie nach der Matura wieder in die Ferne ziehen wird? „Ja, aber vorerst nicht außerhalb Europas. Ich möchte gern in Brüssel studieren.“ (Karin Krichmayr/DER STANDARD-Printausgabe, 30. Juni/1. Juli 2007)

  • Saskia Leopold erzählt von ihrem Schuljahr an der Westminster High School in der US-Kleinstadt Simsbury.
    foto: standard/hendrich

    Saskia Leopold erzählt von ihrem Schuljahr an der Westminster High School in der US-Kleinstadt Simsbury.

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