Ermittler: "Erhebliche Parallelen" zu islamistischen Terror-Plänen

4. Juli 2007, 14:46
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Mercedes war mit Benzinbehältern und Nägeln gefüllt - Fahrer stellte Auto vor Nachtclub ab und rannte davon

Britische Ermittler machten Freitag früh eine Autobombe im belebten Theatherdistrikt der britischen Hauptstadt unschädlich. Informationen über Hintermänner gab es vorerst nicht, der Modus operandi erinnert allerdings an extremistische Islamisten.

Ruhig ist es in der Londoner Innenstadt, verdächtig ruhig. Wo sonst trotz City-Maut Tag und Nacht der Autoverkehr tobt, schlendern an diesem Freitagvormittag Passanten und Touristen über die Straßen von Whitehall und Pall Mall. Der U-Bahnhof Piccadilly Circus ist geschlossen. Die Straße Haymarket wirkt vollkommen ausgestorben, allerdings hindern hier eine Absperrung und zwei im kühlen Wind frierende Bobbies am Weiterschlendern. Denn weiter hinten machen sich Beamte des Bombenentschärfungs-Kommandos unter einer blauen Abdeckung an einem silbernen Mercedes zu schaffen. Später wird das Auto ins Labor abtransportiert - wichtigstes Beweisstück eines Bombenanschlags, dem London in der Nacht zum Freitag nur knapp entgangen ist.

Zeugenberichten zufolge stellte der Fahrer des Mercedes gegen ein Uhr vor dem Nachtclub Tiger Tiger am Haymarket in eine Mülltonne und rannte davon. Eine Sanitätscrew bemerkte Rauch aus dem Auto, ein Türsteher alarmierte Feuerwehr und Polizei. Experten der Bombenentschärfungs-Gruppe von Scotland Yard fanden in dem Auto Gaszylinder, die mit Nägeln und Benzin gefüllt waren. Durch eine kontrollierte Explosion wurde die Bombe unschädlich gemacht.

Ermittlungen in alle Richtungen

Die Gegend um Piccadilly Circus und Leicester Square im Herzen der britischen Metropole, das sogenannte Theaterviertel, war zur fraglichen Zeit voll von Menschen. Eine Explosion der Bombe "hätte viele Tote und Verletzte zur Folge gehabt", glaubt Peter Clarke. Der höchste Anti-Terror-Beamte des Landes ermittelt zwar "in alle Richtungen", berichtete am Nachmittag aber von "erheblichen Parallelen" zu jüngst vereitelten Terror-Plänen islamistischer Extremisten auf der Insel. Bei Prozessen gegen den wichtigsten bisher gefassten Al-Kaida-Mann Dhiren Barot und seine Helfershelfer war in den vergangenen Monaten mehrfach von Anschlagsplänen auf Nachtclubs die Rede gewesen. Clarke sowie der Inlandsgeheimdienst MI5 haben die Briten immer wieder auf die Terror-Gefahr hingewiesen.

Radikalisierung

Die Biografien der zuletzt verurteilten Straftäter erinnern die britische Öffentlichkeit einerseits daran, dass islamistische Extremisten schon in den neunziger Jahren Anschläge im eigenen Land planten. Andererseits hat die britische Beteiligung am Irak-Krieg viele junge Muslime auf der Insel zusätzlich radikalisiert. Am 7. Juli 2005 rissen vier Selbstmord-Attentäter in 52 Menschen mit sich den Tod. Seither haben Polizei und Geheimdienst mehrere geplante Bomben-Attentate verhindern können.

Der gescheiterte Anschlag vom Freitag sollte offenbar die Bildung der neuen Regierung von Premierminister Gordon Brown überschatten, der erst am Mittwoch das Amt von Tony Blair übernommen hatte. Der Labour-Politiker sprach von einer "ernsten und andauernden Bedrohung" und mahnte die Öffentlichkeit zu erhöhter Aufmerksamkeit. Die meisten Londoner nahmen die neue Bedrohung gestern gelassen. Auch die Organisatoren des für Samstag geplanten Londoner Gay-Pride-Marsches zeigten keine Besorgnis: "Wir glauben nicht, dass die Bombe etwas mit uns zu tun hatte." Die fröhliche Parade soll direkt am Tatort vorbeiführen. (Sebastian Borger aus London/DER STANDARD, Printausgabe, 30.6./1.7.2007)

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    Die Autobombe wird zum Abtransport auf einen Lastwagen geladen

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    Das Fahrzeug wurde mit einem Zelt abgedeckt

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