Es wird zu viel eingesperrt

4. Juli 2007, 17:08
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Strafvollzug in der Endlosschleife - Wegsperren schädigt die Gehirne - bedingte Entlassungen seien ein Weg zu besseren Ergebnissen

Buchpräsentation als Plädoyer gegen Wegsperr-Mentalität

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Wien - Seit über 500 Jahren ist das Thema Strafvollzug in einer Endlosschleife gefangen, ist Wolfgang Gratz überzeugt. Am Anfang steht stets eine Reformbewegung, Gefängnisse sollen menschengerechter gestaltet werden. Bei der Umsetzung gibt es dann nur bescheidene Erfolge, in der nächsten Phase scheitert die Bewegung - aus Geldmangel oder weil die Gesellschaft zur Überzeugung kommt, nur Härte helfe gegen das Böse. Die Folge: Die Haftbedingungen verschlechtern sich immer weiter - bis schließlich wieder Phase eins zum Zug kommt.

Gratz sollte es wissen, schließlich ist der 57-Jährige Leiter der Strafvollzugsakademie in Wien. Und präsentierte am Dienstagabend im Justizministerium sein Buch "Im Bauch des Gefängnisses", in dem er Beiträge zu Theorie und Praxis des Strafvollzugs liefert. Österreich, so eine weitere Überzeugung des Experten, ist derzeit übrigens in der Phase vier: Die Zellen werden immer voller, die Beamten immer weniger, die Vision einer Resozialisierung der Täter immer schwerer erfüllbar.

Ein Missstand, der Gratzer merkbar schmerzt. Vor allem auch, weil er sich meist von der Gesellschaft unbeachtet abspielt. Wobei Strafgefangene natürlich Teil dieser sind. "Abhilfe wird entgegen den Sonntagsreden nicht geschaffen, die Öffentlichkeit nimmt nur sporadisch und ohne Reaktion von den Zuständen Kenntnis." Sein Buch soll einen Beitrag leisten, die Öffentlichkeit zu erreichen, schließlich sind die Beiträge auch für Laien verständlich und durchaus unterhaltsam formuliert.

Wegsperren schädigt die Gehirne

Für Gratz steht fest, dass in Österreich fast 40 Jahre nach der Haftreform durch Justizminister Christian Broda (SP) noch immer viel zu viel eingesperrt wird. Und dass das simple Wegsperren sogar die Gehirne der Gefangenen schädigt und ihre Lernfähigkeit beeinträchtigt, wie er aktuelle Erkenntnisse der neurologischen Forschung interpretiert. Mehr bedingte Entlassungen seien daher ein Weg zu besseren Ergebnissen.

Maria Berger, die, in eigenen Worten, "erste sozialdemokratische Justizministerin seit Broda", gelobte Veränderungen und hofft, dass die ÖVP Vorbehalte gegen Punkte wie die Abschaffung der Generalprävention und die exaktere Auslegung, ab wann Delikte gewerbsmäßig sind, aufgibt. (moe, DER STANDARD Printausgabe 28.6.2007)

"Im Bauch des Gefängnisses", ISBN 978-3-7083-0461-8, Neuer wissenschaftlicher Verlag, 34,80 Euro
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