Nur nicht madig machen lassen

1. Juli 2007, 17:00
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Das lebendige Innenleben der Kirschen bemerkt nur, wer nachschaut, sagt Ute Woltron

Wir nähern uns einem der fröhlichsten Ereignisse des Schuljahres, nämlich dem Ferienbeginn, und das ist exakt die Zeit, in der die Kirschen reif werden. Die Kombination Schulschluss, Kinder und Kirschbaum ist quasi eine ideale: körperliche Ertüchtigung durch kletternde Tätigkeit bei gleichzeitiger Schulung des Gleichgewichtssinns. Zusammenrotten zu Horden mit gemeinsamem Fressziel. Sammeln wichtiger Erfahrungen in Sachen Auswirkung der Gravitationskraft im Falle des Patschertseins. Stundenlange Beschäftigung an frischer Luft ganz ohne Gameboy-Verblödung. Aufnahme endloser Mengen wertvoller Vitamine und Spurenelemente ohne Iss-jetzt-fixnocheinmal-endlich-deinen-Salat!-Zwang. Kennenlernen aller Stufen beschleunigter Verdauungsprozesse.

Pädagogische Sadismusmaßnahme

Kurzum: So ein Kirschbaum ist eines der besten Spielzeuge, die überhaupt je erfunden wurden, und dass er nur ein paar kurze heiße Frühsommerwochen lang die Klettertouren mit Früchten belohnt, macht diese Zeit umso ersehnter und kostbarer.

Irgendwann allerdings tritt im Leben jedes jungen Kirschenessers unweigerlich ein Ereignis ein, das eine Art Weggabelung darstellt, und zwar dann, wenn man bewusst der ersten Made ansichtig wird - meistens eine pädagogische Sadismusmaßnahme älterer Kirschenfresser. Zugegebenermaßen - es gibt appetitlichere Anblicke. In der Folge stehen folgende Möglichkeiten offen: Drauf pfeifen und weiteressen (empfohlen!), oder sich das Vergnügen verderben lassen und jede einzelne Kirsche unter Produktion kleiderverfärbender Säfte aufbrechen und auf etwaige Bewohner untersuchen (abzulehnen!). Im Gegensatz zu den Raupen des Apfelwicklers, die doch beachtliche, kautechnisch aufgrund ihrer Härte durchaus bemerkbare Größen erreichen, sowie irrtümlich zu sich genommene Blattwanzen, die nicht nur übel schmecken, sondern bei Gefahr noch dazu einen außerordentlich widerlichen Gestank absondern, sind die "Würmer" in den Kirschen winzig und völlig geschmacklos.

Bis zu 150 Eier

Kirschen - sprechen wir es ruhig aus - sind, so sie nicht ein paar Wochen vor der Reife gespritzt, also mit Gift behandelt wurden, überhaupt meistens "wurmig", weil Kirschfruchtfliegen emsige kleine Tierchen sind, die bis zu 150 Eier legen. Alles, was sie umbringt, ist echt giftig und schädigt Vögel, Bienen und andere Nutzinsekten, bis hin zu Fischen, die das Pech haben, in nahegelegenen Gewässern zu residieren. Bisher wurde jedes zum Einsatz gebrachte Gift irgendwann einmal verboten. In den 1960er-Jahren war es das DDT, später das Lebaycid - und zwar wegen unvertretbarer Auswirkungen auf den Naturhaushalt. Und natürliche Insektizide, mit denen seit einer Weile herumexperimentiert wird, haben eine kürzere Wirkungsdauer und sind nicht so effizient.

Dass maximal zwei Prozent der im Handel erhältlichen Ware madig sein dürfen, macht das Leben der Kirschbauern auch nicht leichter. All das erhärtet die These, dass mit Leuten, die nicht zimperlich sind, deutlich besser Kirschen essen ist. Zu Schulzeiten waren all die Zezen, die ihre aufpolierten Jausenäpfelchen pikierlich nach kleinen braunen Fleckchen untersuchten, ja auch irgendwie die Underdogs. Und auf die Gefahr hin, jetzt für überheblich gehalten zu werden, aber in Kenntnis der Ratlosigkeit noch nie einen Baum bestiegen habender Stadtkinder, erklären wir hier jetzt das Baumkraxeln (weil Leiter ist fad): Einen kräftigen Ast in Reichweite mit beiden Händen links und rechts fest packen, mit Schwung den Stamm "hinaufgehen", ein Bein um den Ast werfen, mit der Kniekehle gut fixieren und sich hochziehen. Mahlzeit! (Ute Woltron/Der Standard/rondo/29/06/2007)

Tipp

Dass es Süss- und Sauerkirschen gibt, dürfte bekannt sein, dass hunderte Kirschsorten zur Verfügung stehen, schon weniger. Sie unterscheiden sich in Reifezeit, Fruchtfleischkonsistenz und Süße. Wer also im Herbst ein Kirschbäumchen pflanzen will, sollte vorher Sortenstudium betreiben und nicht einfach irgendeinen Baum kaufen. Der Klassiker ist die große schwarze Knorpelkirsche. Die wird gerade jetzt reif und schmeckt saugut.
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    Der Kirschbaum ist eines der besten Spielzeuge, die je erfunden wurden.

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