Meditation über den Schädel

27. Juni 2007, 17:44
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Gösta-Neuwirth-Abend bei der Styriarte: Dirigent Andrés Orozco-Estrada erweckte von Neuwirth zusammengestellte Stücke zum Leben

Graz – Gösta Neuwirth bei der styriarte: Sie hat dem 70-Jährigen ein Konzert mit dem Recreation-Orchester und dessen Chef Andrés Orozco-Estrada geschenkt, und eines, das er sich selbst zusammenstellen durfte. Dass er es mit Schrekers "Intermezzo op. acht" für Streichorchester einleiten ließ, war ihm ein Herzenswunsch. Immerhin wurde Schreker bis in die Fünfzigerjahre hinein totgeschwiegen, und Neuwirth erkundigte sich schon als Student bei der Witwe Schrekers nach dem Nachlass des Verfemten: "Ich war mit der Situation konfrontiert der Erste zu sein, der sich mit diesem Komponisten beschäftigt, den die Nationalsozialisten in den Tod getrieben hatten. Das war ein ganz schönes Gewicht, das da auf mich gelegt war."

Und dass Neuwirth selbst zum Vertriebenen wurde, zeigt sein späterer Versuch, an der Wiener Uni eine Dissertation über Schreker einzureichen. Sie wurde mit dem Argument abgelehnt, dass man nicht über einen Juden promovieren könne. So wurde Berlin für Neuwirth selbst zum Exilort. Erst in den 70ern konnte ihn der Ruf an die Grazer Musikhochschule nach Österreich bewegen.

Neuwirth hat Schreker auch bearbeitet und neu herausgegeben, darunter die hochexpressiven, zarten "5 Gesänge" für tiefe Stimme und Kammerorchester, die von Waltraud Mucher mit viel Sinn für eindringliche Zwischentöne dargeboten wurden. Neuwirths Lehrer war aber Karl Schiske, und dessen streng durchkonstruiertes, höchste Konzentration fordernde "Divertimento op. 49" bildete die Brücke zu Neuwirths eigener Werkschau:

Zwei Abschnitte aus einer Neufassung der 1955 entstandenen "Sinfonietta für Streichorchester und Klavier" – eine skurrile, farbenreiche Meditation über die Anatomie des menschlichen Schädels – und das uraufgeführte "Planctus für Kammerorchester", eine über elf gleich lange Sätze laufende Auseinandersetzung mit dem Problem der objektiven Zeit. (sta / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.6.2007)

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    foto: styriarte / werner kmetitsch
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