Wechselfälle eines leidenden Spötters: Luigi Pirandello

1. Juli 2007, 19:22
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Zwischen sozial engagierter Spätromantik und Pathosbruch: Zum 140 Geburtstag des italienischen Autors

Wien – Luigi Pirandello kam aus dem Chaos – so hieß zumindest das kleine Landgut in der Nähe von Agrigento/Sizilien, auf dem er am 28. Juni vor 140 Jahren geboren wurde. Ein amüsantes Szenario, mit dem er sich gerne vorstellte und das er später um einen Mythos zu seinem Namen erweiterte: Pirandello, so glaubte der italienische Schriftsteller, fände seinen Ursprung im griechischen "Pyros Angelos", dem Feuerboten aus dem Chaos. Ein schönes Bild für einen Autor zwischen "sozial engagierter Spätromantik und veristischem Pathosbruch".

So setzt auch der Wiener Romanist Michael Rössner, der letzte Woche am Italienischen Kulturinstitut über den Jubilar sprach, zu einem Porträt an. Seit gut 25 Jahren ist Rössner um die Verbreitung des Werkes von Pirandello bemüht, der zumindest in Italien als Pionier der literarischen Moderne gelesen wird. Im deutschen Sprachraum ist für die Bewahrung, bzw. Übertragung von Pirandellos Romanen, Theaterarbeiten und zahlreichen Novellen ins Deutsche noch zu sorgen.

Ab den 1980er-Jahren hatte Rössner, der zur selben Zeit auch das heute sehr aktive Deutsche Pirandello-Zentrum gründete, an einer Pirandello-Gesamtedition gearbeitet, nahezu sämtliche Werke neu übersetzt, bzw. die vorhandenen Übersetzungen überarbeitet. Die 18-bändige Edition (Propyläen-Verlag) erschien 2002, wurde aber bald wieder eingestellt. Einige Ausgaben wurden vom Wagenbach-Verlag ins Programm genommen.

Aufgeteilte Rezeption

Die Mode um Pirandellos Literatur bestimmt seit jeher eine sehr sprunghafte Rezeption. So kam dem Dramatiker ab Mitte der 1920er-Jahre eine überschwängliche Begeisterung des deutschen Theaters für seine – allerdings nur zeitgenössische – Theaterarbeit zugute. Daraufhin wurde er für längere Zeit nahezu komplett vergessen und erst in den 50er-Jahren, diesmal jedoch beschränkt auf seine Funktion als Novellenautor, der gut mit der existentialistischen Nachkriegsliteratur harmonisierte, wiederentdeckt.

"Sechs Personen suchen einen Autor", das Stück, mit dem Pirandello, der 1934 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde, weltweite Bekanntheit erlangte, und der Roman "Mattia Pascal", blieben lange quasi die einzigen in deutscher Sprache bekannten Werke. Bis in den Neunzigerjahren das poetische Vermächtnis des Autors, der dramatische Mythos "Die Riesen vom Berge", in rascher Folge an mehreren Theatern Deutschlands, in Wien und Salzburg groß inszeniert wurde. Ein Vorstoß, der Pirandello zugleich erstmals der Postmoderne zuschrieb.

Für diese markanten Popularitätsschwankungen weiß auch Michael Rössner keine Erklärung. Wohl aber gute Gründe für Pirandello als thematisch auch heute noch beachtenswerten Denker. "Pirandello ist der aktuellste Autor der Welt", er machte sehr früh auf unterschiedliche Blickweisen und kulturelle Konzeptionen aufmerksam und trat für Achtung vor der Realität anderer ein.

Trotzdem wäre es übertrieben, Pirandello, der 1936 in Rom starb, als konsequent wirklichkeitsvereinenden Autor hochzuhalten. Die Widrigkeiten, die sich zwischen ihn und seine "Geliebte", die Kunst, stellten, lösten eine innere Zerrissenheit im Autor aus, die er selbst als tatsächliche Krankheit begriff, aber auch den Ton des pirandellesken Spottes begründete.

"Pirandello nahm immer unterschiedliche Standpunkte ein", erklärt Rössner. Sei es im Verhältnis zu Mussolinis Faschismus, den Bemühungen um ein Nationaltheater, das er dann mit allzu avantgardistischen Stücken kaputtspielte, oder im ständigen Diskurs der zwei Ichs in seiner Literatur und dem Spätwerk zwischen "Traum und Wirklichkeit". (Isabella Hager / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.6.2007)

  • Ständig zerrissen, zwischen sozial engagierter Spätromantik und Pathosbruch: Pirandello, Autor, Humorist und Vordenker
    foto: wagenbach

    Ständig zerrissen, zwischen sozial engagierter Spätromantik und Pathosbruch: Pirandello, Autor, Humorist und Vordenker

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