"Eine Explosion von Optimismus" - Amitav Ghosh im Interview

1. Juli 2007, 19:22
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Der indische Autor erhielt am Wochenende den "Premio Grinzane Cavour", den wichtigsten Literaturpreis Italiens

In Turin sprach er mit Gerhard Mumelter über die Literatur in seiner Heimat und die Probleme des Wirtschaftsbooms.


Grinzane Cavour ist ein Weinort südlich von Turin. Neben dem Barolo ist die Gemeinde für den international wichtigsten Literaturpreis Italiens bekannt, den "Premio Grinzane Cavour", der jährlich im Schloss von Grinzane vergeben wird. Zu den Preisträgern gehörten am vergangenen Wochenende der Schweizer Autor Pascal Mercier, der bulgarische Philosoph Zwetan Todorow und der indische Romancier, Journalist und Essayist Amitav Ghosh.


Standard: Welchen Stellenwert hat dieser Preis für Sie?

Amitav Ghosh: Einen besonderen. Denn die Grinzane Cavour-Stiftung richtet seit 25 Jahren ihr Hauptaugenmerk auf Autoren aus außereuropäischen Ländern und hat sich damit große Verdienste erworben. Sie führt Autoren aus aller Welt zusammen und fördert junge Schriftsteller aus allen Kontinenten.

Standard: Sie gehören neben Arundhati Roy, Salman Rushdie, Anita Desai und Vikran Seth zu den bekannten indischen Autoren. Doch die Vielfalt der Literatur Indiens ist im Westen meist unbekannt.

Ghosh: Leider. Während die Literatur im Westen immer mehr zu einer Randerscheinung der Gesellschaft verkommt, hat sie in Indien einen zentralen Stellenwert. Schreiben gehört in Indien zum Leben. Es ist eines der wenigen Länder, in denen Schreiben und Lesen von elementarer gesellschaftlicher Bedeutung sind. Jedesmal, wenn ich eine indische Buchhandlung betrete, bin ich vom Angebot überwältigt. Indien ist ein Bücherparadies. Es gibt fast 700 Millionen Menschen, die lesen und schreiben können. Der Buchmarkt boomt mit Zuwachsraten von 15 Prozent pro Jahr. Im Westen wird nur die Spitze dieses immensen Eisbergs wahrgenommen. Schriftstellerinnen wie Manju Kapur, die über die Frauenrolle in traditionellen Familien schreibt oder jüngere Autoren wie Chetan Bhagat und Amthaba Bagchi, die die New Economy zum Thema ihrer Bücher machen, sind im Westen nahezu unbekannt.

Standard: Kann Literatur in Indien noch etwas bewirken?

Ghosh: Zweifelsohne. Unlängst ist nach einem Vortrag ein Leser mit der Feststellung auf mich zugekommen: "Ihr Buch hat mein Leben verändert." Das sind Glücksmomente für einen Autor. In Delhi hat mir der Vizepremier versichert, er habe alle meine Bücher gelesen. Welcher Politiker liest heute im Westen noch Romane? Bei einem Vortrag in Bangalore ist mir Ähnliches passiert. Ein Mann, der in der letzten Reihe aufmerksam zugehört hatte, hat mir dasselbe erklärt. Ich habe dann erfahren, dass es der Gründer des Internet-Imperiums Infosys Narayana Murthy war – einer der wichtigsten Unternehmer Indiens. Er fährt noch heute einen Kleinwagen und schickt seine bescheiden erzogenen Kinder auf öffentliche Schulen. Die Manager seines Unternehmens haben eine Lohnerhöhung abgelehnt.

Standard: Geht die Globalisierung in Indien andere Wege als in den USA?

Ghosh: Durchaus. Ein Beispiel: Wenn meine Tochter in New York aus der Schule kommt, erledigt sie in einer Stunde ihre Aufgaben. Wenn meine Nichte in Kolkata vom Unterricht heimkommt, arbeitet sie bis zu sieben Stunden. Die Wissbegierde und der Lerntrieb der Inder ist enorm. Das hat natürlich auch Schattenseiten. Viele Jugendliche begehen Selbstmord, weil sie befürchten, die hohen Erwartungen der Eltern nicht erfüllen zu können. Doch der Unterschied ist riesig. Wenn ich in New York auf die Straße gehe, sehe ich vielfach depressive Gesichter. In Kolkata ist das Gegenteil der Fall. Da erlebe ich eine Explosion von Optimismus. Das Tempo der Veränderung ist atemberaubend.

Die Literatur war eine wesentliche Voraussetzungen für diese Entwicklung. Die Mittelklasse liebt es, über Bücher zu diskutieren. An allen Ecken werden billige Raubkopien angeboten. Wem wollen Sie denn im Westen einen fotokopierten Roman anbieten? Der technologische Fortschritt wäre ohne das rege literarische Leben undenkbar.

Standard: Wie hoch ist der Preis, den Indien für seine Wachstumsraten bezahlt?

Ghosh: Er ist leider sehr hoch. Wir wissen, dass die New Economy wenige Gewinner hat. Es gibt wachsende Umweltprobleme, mit denen sich etwa mein Buch Hunger der Gezeiten befasst. Die Vernichtung der Mangrovenwälder im Gangesdelta ist eine verhängnisvolle Entwicklung, denn sie haben die Inseln bis jetzt vor Überflutungen geschützt. Eine der Inseln steht bereits unter Wasser. Aber es gibt auch immer wieder Phänomene, wie sie Suketu Mehta in seinem ausgezeichneten Mumbai-Buch Maximum City beschreibt, dass etwa ein reicher Diamantenhändler seinen gesamten Besitz verschenkt und zum Bettelasketen wird. Bei meinem letzten Besuch in Kolkata hörte ich unseren Nachbarn, einen bekannten Banker, laut singen. Er erklärte, ihm sei Krishna erschienen und kündigte seine Direktorenstelle. Das sind typisch indische Phänomene.

Standard: Ist Indien also das Literaturparadies der Zukunft?

Ghosh: Zweifelsohne. Das Land hat allerdings eine untypische Literaturszene, denn es gibt ja nicht eine Nationalsprache, sondern über 20 verschiedene. Alle diese Sprachen werden von vielen Millionen Menschen gesprochen. Bereits im kommenden Jahr wird die Zahl der publizierten Bücher die 100.000-Marke übertreffen. In keinem Land der Welt wird mehr gelesen als in Indien. Das ist eine Entwicklung, auf die wir stolz sein können. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.6.2007)

Zur Person
Der 1956 in Kolkata (Kalkutta) geborene und abwechselnd in New York und seiner Heimat lebende Anthropologe Amitav Gosh gehört zu den wichtigsten Autoren Indiens.
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    Der indische Autor und Anthropologe Amitav Ghosh erhielt am Wochenende den renommierten italienischen Literaturpreis "Premio Grinzane Cavour".

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