Polen: Medienethik-Rat verurteilt Titelbild mit Merkel-Fotomontage

4. Juli 2007, 12:03
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"Grenzen des guten Geschmacks überschritten" - Magazin-Chef weist Kritik zurück

Das Titelbild des polnischen Nachrichtenmagazins "Wprost" mit einer Fotomontage der deutschen Kanzlerin Angela Merkel als "Stiefmutter Europas" hat nach Ansicht des polnischen Rates für Medienethik die Grenze des guten Geschmacks überschritten. Das Bild zeigte Merkel, wie sie die Zwillinge Lech und Jaroslaw Kaczynski, den Präsidenten und den Regierungschef Polens, an der nackten Brust stillt.

In Medien - auch in den meinungsbildenden - sei eine steigende Tendenz zur Veröffentlichung von "ordinären Texten und Bildern" zu beobachten, hieß es in der am Mittwoch veröffentlichten Stellungnahme des Rates. Satirische, ironische oder sogar höhnische Inhalte ließen sich aber auch in Formen ausdrücken, die einer "zivilisierten Gesellschaft" entsprächen.

"Wprost"-Chefredakteur Stanislaw Janecki sagte gegenüber der APA, er verstehe die Argumente des Medienrates nicht. "Wenn man solch ein warmherziges Motiv wie die Mutterschaft für vulgär hält, dann müsste man den Großteil der kirchlichen Malerei löschen", meint Janecki. In früheren Aussagen Medien gegenüber hatte der "Wprost"-Chefredakteur erklärt, das Titelbild sei eine Antwort auf die deutsche, gegen Polen gerichtete politische Satire - und sei ebenfalls als Satire zu betrachten.

Debatte über journalistische Freitheit

"Wprost" wies in der kontroversen Ausgabe auf die Titelseite des deutschen Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" von vergangener Woche hin, auf der die Brüder Kaczynski auf der deutschen Bundeskanzlerin sitzen. Laut "Wprost" bezieht sich diese Zeichnung auf ein "Wprost"-Cover aus dem Jahr 2005 mit einer Fotomontage, in der die Präsidentin des deutschen Bundes der Vertriebenen (BdV), Erika Steinbach, in SS-Uniform auf dem damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder reitet.

Der Fall hat in Polen erneut die Debatte über Grenzen der journalistischen Freiheit wieder angekurbelt. "Wprost" nützt seit langem die Titelseite, um seine Leser zu provozieren. In mehreren Fällen ist es zu Gerichtsverfahren gekommen. Die größte Aufmerksamkeit erhielt das Titelbild eines Heftes aus dem Jahr 1994 zu einer Cover-Story über Umweltverschmutzung, auf dem die Schwarze Madonna von Tschenstochau (Czestochowa) mit einer Gasmaske abgebildet wurde. In allen Fällen sind die Gerichte bisher zu dem Schluss gekommen, dass das Magazin das Recht nicht verletzt hatte, weil das Titelbild genauso wie ein Text als Form der Publizistik und als Ausdrucksmittel der journalistischen Polemik oder des Kommentars zu betrachten sei.

Das Merkel-Titelbild des "Wprost" hat vor allem in Deutschland für Aufregung gesorgt. Eine offizielle Stellungnahme oder einen Protest hat es aber bisher weder von deutscher noch von polnischer Seite gegeben. Am heftigsten reagierte die deutsche "Bild"-Zeitung, die die Fotomontage eine "Frechheit" nannte. Aber auch in Polen hatte das Bild zahlreiche negative Kommentare von Medienvertretern und Politikern ausgelöst. (APA/dpa)

Nachlese
Aufregung über polnisches Titelbild mit Merkel-Montage - Merkel mit den Zwillingen Lech und Jaroslaw Kaczynski an der nackten Brust - "Geschmacklosigkeit" für Union, SPD und FDP
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