"Negative Altersstereotype seit 3000 Jahren"

25. Jänner 2008, 11:17
18 Postings

Niedrige Geburtenrate - früher Pensionsantritt: Der Arbeitsmarkt muss sich auf neue Strukturen einstellen, die Initiative 'Arbeit und Alter' berät Unternehmen

"Österreich liegt mit 31,8 Prozent an Erwerbstätigen über 55 Jahren an siebent letzter Stelle in Europa", informiert Maria Ratzinger aus der Abteilung für Sozialpolitik und Gesundheit der Wirtschaftskammer Österreich. Lange Lebenserwartung und niedrige Geburtenzahlen werden einen Rückgang der Bevölkerung im Erwerbsalter mit sich bringen - viele Unternehmen sind darauf noch weitgehend unvorbereitet. Negative Stereotype über ältere Arbeitnehmer sind am Arbeitsmarkt präsent. Initiativen wie 'Arbeit und Alter' bieten Anleitungen zur altersgerechten Unternehmensführung und Vermittlung zwischen den Generationen.

***

Im vergangenen Jahrhundert hat sich die Lebenserwartung in Österreich und im Großteil der EU-Mitgliedsländer verdoppelt. Die Bevölkerung ab 60 Jahren wird bald die größte Altersgruppe darstellen, damit befindet sich die Arbeitswelt vor einer demographischen Herausforderung. Der Wandel in der Altersverteilung zwischen 15 und 64 wird auch als das "Kippen der Alterspyramide" bezeichnet.

"Erwerbsquote der 55 bis 64jährigen erhöhen"

Arbeiterkammer, Industriellenvereinigung, österreichischer Gewerkschaftsbund und Wirtschaftskammer Österreich betreiben eine Wissens-Datenbank für die lebensaltersgerechte Reorganisation von Arbeitsprozessen unter dem Titel Arbeit und Alter. "Ziel der Initiative 'Arbeit und Alter' ist es, die Erwerbsquote der 55 bis 64jährigen in Österreich zu erhöhen. Finnland und Schweden sind Vorbilder, in Finnland liegt diese Erwerbsquote bei 54,8 Prozent und in Schweden bei 70 Prozent", so Ratzinger.

Weiterbildung und Gesundheitsförderung

"Wenn man das Pensionsalter nach hinten versetzt, muss darauf geachtet werden, dass die Arbeitnehmer fit bleiben. Daher forcieren wir zum einen die betriebliche Gesundheitsförderung, aber auch die Weiterbildung der Älteren gilt es zu intensivieren", betont Ratzinger. Krankheit entstehe primär nicht aus einem Zuviel an Arbeit, sondern einem Zuwenig an Verwirklichung und sozialer Unterstützung. Neben der Initiative 'Arbeit und Alter' fördern Ansätze wie 'Productive Aging' oder das VOEST-Projekt 'LIFE' Integration und Erfahrungstausch zwischen den Generationen.

"Bis an das Ende ihrer Kräfte"

"In der Gegenwart werden Alter und Erwerbstätigkeit dissoziiert", so Josef Ehmer, Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Wien. Das sei nicht immer so gewesen: "Vor dem 19. Jahrhundert arbeiteten die Menschen bis an das Ende ihrer Kräfte. Erst danach setzte ein Prozess ein, der das Ausscheiden aus der Arbeitswelt kontinuierlich nach vorne verschob. Ziel unseres Forschungsprojekts ist es, diesen Prozess genauer darzustellen." Das Projekt 'Labor, Aging and the Elderly: Historical Variations and Trends' läuft von Oktober 2006 bis Ende September 2009. Neben Datenerhebung, um soziale Trends nachzeichnen zu können, wird die kulturelle Dimension berücksichtigt.

Stereotype sind tief verankert

"Wir beschäftigen uns auch mit den kulturellen Faktoren. So gibt es seit 3000 Jahren negative Altersstereotype, die sich auf körperlichen und geistigen Abbau und einen Rückzug aus der Welt beziehen", so Ehmer. Als Folge gingen damit die immer selben Vorurteile einher: "Ältere Arbeitnehmer kosten mehr und seien weniger leistungsfähig. Das ist von der griechisch-römischen Antike bis ins 21. Jahrhundert verfolgbar", berichtet Ehmer.

Der Wissenschafter widerspricht: "Das stimmt nur teilweise. Die steigenden Arbeitskosten treffen nicht für alle Branchen zu. Arbeiter verdienen beispielsweise in der Mitte ihrer Erwerbstätigkeit am meisten, das Gehalt fällt mit zunehmendem Alter wieder ab." Und Ehmer berichtet von Studien aus der Sozialwissenschaft, Psychologie oder Ökonomie zur Leistungsfähigkeit: "Zum einen bestätigen diese einen Leistungsabbau. Wir fangen ja schon ab 20 an Fähigkeiten in der Motorik zu verlieren. Bestimmte Fertigkeiten wie soziale Kompetenz oder Erfahrung nehmen jedoch zu. Insgesamt haben wir hier eine ausgeglichene Bilanz."

"Intensive Programme, um ältere Arbeitnehmer zu halten"

Der Abbau von älteren Arbeitskräften kann im Gegenteil zu einem Wettbewerbsnachteil für Unternehmen führen: Ein rascher Verlust erfahrener MitarbeiterInnen verschlechtert die Qualität der Arbeit, die Abläufe und letztlich die Stück-Kosten. "In Finnland gibt es bereits extreme Engpässe, zum Beispiel in der Elektrizitätsbranche. Die jungen Arbeitnehmer haben kein großes Interesse in diesem Bereich zu arbeiten, daher gibt es intensive Gesundheits- und Qualifikationsprogramme, um die älteren Arbeitnehmer zu halten", weiß Ratzinger.

Push-and-Pull-Faktor

Die hohe Zahl an Frühpensionen in Österreich führt zum Verlust einer großen Gruppe erfahrener Erwerbstätiger. Ehmer bietet Erklärungsansätze: "Unserer Meinung nach besteht ein enger Zusammenhang mit dem Rückgang an selbständiger Arbeit. Die Unselbständigen haben ein Problem am Arbeitsmarkt. Wir nennen das den 'Push-and-Pull-Faktor' - sie werden zunehmend aus der Arbeit raus gedrängt."

"In den 60er und 70er Jahren bildeten sich zwei Faktoren heraus: Das Verdrängen der Alten vom Arbeitsmarkt konnte zunehmend sozial abgefedert werden. Und es stieg das eigene Interesse der Arbeitnehmer in Pension zu gehen. Das hängt mit zunehmender materieller Absicherung in der Pension und gestiegener Agilität zusammen", weiß Ehmer. Aus Ehmers Sicht ist vor allem eines paradox: "Je gesünder, je unternehmungsfreudiger, je produktiver wir werden, desto früher scheiden wir aus dem Arbeitsleben aus." (Julia Schilly/derStandard.at, 12. Juli 2007)

  • Junge Arbeitnehmer können oftmals von der Erfahrung und dem Know-How älterer Kollegen lernen.
    foto: voestalpine

    Junge Arbeitnehmer können oftmals von der Erfahrung und dem Know-How älterer Kollegen lernen.

Share if you care.