Teilnahmepflicht an DNA-Massentests kommt

4. Juli 2007, 17:09
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In Kriminalfällen können nach StPO-Reform ab 2008 ganze Ortschaften überprüft werden

Wien - Vor 21 Jahren wurde weltweit zum ersten Mal ein Kriminalfall mittels DNA-Analyse aufgeklärt. Ein Mädchenmörder aus Großbritannien wurde damals vom seither gerne als "Kommissar DNA" bezeichneten Gencode überführt. Seine Genprobe erhielten die Ermittler durch eine freiwillige Massenüberprüfung von Anrainern. Ab kommenden Jahr wird so eine Reihenuntersuchung auch in Österreich fixes Werkzeug von Justiz und Kriminalisten werden - die hiesigen Bürger haben allerdings die Pflicht, sich ein Wattestäbchen in die Mundhöhle stecken zu lassen.

Massenscreenings

Im Rahmen der Reform der Strafprozessordnung sind die Massenscreenings ab 1. Jänner 2008 möglich, wie Werner Pleischl von der Oberstaatsanwaltschaft Wien am Dienstag im Rahmen des Symposiums "Zehn Jahre DNA-Datenbank in Österreich" klarstellte. Wie häufig das Werkzeug eingesetzt werden wird, wagt Pleischl aber noch nicht abzuschätzen.

Auch ganze Dörfer antreten lassen

Grundsätzlich müsste sichergestellt sein, dass nur ein eingeschränkter Personenkreis, unter dem sich mit hoher Wahrscheinlichkeit der Täter befindet, getestet werde, fasst Pleischl den Paragrafen zusammen. Wenn es im Umfeld eines Zeltfestes zu einer Vergewaltigung kommt, müsse das nicht unbedingt zutreffen, meint Pleischl. "Es könnten ja auch Touristen oder zufällig Anwesende das Fest besuchen", meint er. Doch theoretisch werde es sehr wohl möglich, Zielgruppen aus ganzen Ortschaften antreten zu lassen.

Wie in Deutschland, wo die Massentests jedoch auf freiwilliger Teilnahme beruhen. Ein Beispiel ist der Großraum Dresden, wo nach zwei Vergewaltigungen kleiner Mädchen seit dem vergangenen Sommer alle Männer mit den Merkmalen "zwischen 25 und 45 Jahre alt", "zwischen 1,65 und 1,85 Meter groß" und "zum Tatzeitpunkt in Dresden oder Umgebung gemeldet" zum Test "eingeladen" werden können.

Großer Spielraum

Der Spielraum ist groß, gesteht Tom Jährig, Pressesprecher des Landeskriminalamtes Sachsen, im Gespräch mit dem Standard ein: "Theoretisch kämen 100.000 bis 120.000 Männer infrage". Tatsächlich wurden bisher erst von 9500 Menschen Proben genommen, der Gesuchte war noch nicht darunter. "Da es aber praktisch keine weiteren Ermittlungsansätze in diesem Fall gab, war der Massentest ein sinnvoller Weg", meint Jährig.

Pflichttests bei Sexualdelikten

In Österreich werden bei Sexualdelikten und Verbrechen, für die über fünf Jahre Haft drohen, die Pflichttests möglich sein. Gerhard Jarosch, Sprecher der Staatsanwaltschaft Wien, glaubt aber nicht an eine übermäßig starke Anwendung: "Es wird sicher nicht der Fall sein, dass man das jeden Tag macht. Auch der große Lauschangriff wird nur ein- bis zweimal jährlich in Österreich durchgeführt", erläutert er.

Die bei dem vom Bundeskriminalamt und dem Kuratorium Sicheres Österreich veranstalteten Symposium geladenen Ermittler und Wissenschaftler hoffen naturgemäß auf eine weiter möglichst breite Anwendung der DNA in der Forensik. Und führen als Erfolg die heimische Datenbank, die viertgrößte der Welt, an, mit deren Hilfe bisher fast 5900 Tatverdächtige ermittelt werden konnten. (Michael Möseneder, DER STANDARD Printausgabe, 27.6.2007)

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