Der Reis, der niemals kalt lässt

26. Juni 2007, 19:54
3 Postings

Der gentechnisch entwickelte Goldene Reis soll gegen Vitamin-A-Mangel in Entwicklungs­ländern helfen - Ingo Potrykus, einer seiner Erfinder, im STANDARD-Interview

Mit Gentechnik wurde der Goldene Reis entwickelt, der gegen den Vitamin-A-Mangel in Entwicklungsländern helfen soll. Ingo Potrykus, einer seiner Erfinder, war am Wiener Mendel-Institut, um dafür zu werben. Birgit Dalheimer sprach mit ihm.

*****

STANDARD: Was kann Golden Rice?

Potrykus: Der Goldene Reis kann helfen, Vitamin-A-Mangel zu lindern: Die Reiskörner enthalten in ihrem Speichergewebe Provitamin A, das der Körper, wenn wir es essen, zum lebenswichtigen Vitamin A umwandeln kann. Normaler Reis enthält keine Spur von Provitamin A. Viele Menschen, für die Reis das Hauptnahrungsmittel darstellt - also vor allem die Armen in den Entwicklungsländern - leiden daher unter Vitamin-A-Mangel.

STANDARD: Um Goldenen Reis herzustellen, haben Sie die umstrittenste und am wenigsten akzeptierte Züchtungsmöglichkeit angewandt, die Gentechnik. Warum?

Potrykus: Weil wir keine andere Wahl hatten. Es gibt keine Reissorte weltweit, mit der wir durch traditionelle Kreuzungen zu einem Reis hätten gelangen können, der Provitamin A im Speichergewebe der Reiskörner produziert. Auf Wunsch herkömmlicher Reiszüchter haben wir Anfang der 1990er-Jahre begonnen, mithilfe der Gentechnik eine Lösung zu finden.

STANDARD: Wer profitiert vom Goldenen Reis?

Potrykus: Unsere Absicht war, den Reis zu humanitären Zwecken zur Verfügung zu stellen. Die Idee war einfach: Wir entwickeln das Saatgut und schenken es den Bauern. Die Bauern müssen sich zu nichts verpflichten, sie brauchen dazu nicht den Dünger einer bestimmten Firma oder sonst irgendwelche Zusatzmittel für die Landwirtschaft, die sie von einem Hersteller abhängig machen würden. Das Saatgut gehört ihnen, sie können es jedes Jahr neu anbauen und werden es wahrscheinlich noch ihren Enkeln weitervererben. Es ist so konstruiert, dass außer den Bauern und denjenigen, die den Reis dann essen, niemand einen Nutzen davon hat.

STANDARD: Humanitäre Zwecke mögen ein schönes Ziel für universitäre Forschungsprojekte sein - Sie sind für die Entwicklung von Goldenem Reis aber auch eine Private Public Partnership mit einem der führenden Agrobusiness-Unternehmen weltweit, Syngenta, eingegangen. Warum?

Potrykus: Aus zwei Gründen: erstens weil wir finanzielle Unterstützung brauchten, die es von der öffentlichen Hand nicht mehr gab; und zweitens weil es auf fast jede einzelne Methode, jedes Gen, das heute in der Gentechnologie angewandt wird, Patente gibt. Wir hätten unmöglich allein unseren Reis entwickeln und verschenken können, ohne diverse Patentrechte zu verletzen. Also haben wir die Rechte an unserer Erfindung an Syngenta abgetreten und im Gegenzug Unterstützung für unser humanitäres Projekt erhalten.

STANDARD: Also gibt es doch ein Patent auf den Reis in der Hand eines Industrieunternehmens?

Potrykus: Ja, aber die Abmachung ist klar: An Reisbauern in Entwicklungsländern wird das Saatgut kostenlos und ohne Lizenzgebühren abgegeben. Kommerzielle Produkte für Industrienationen können hingegen auch profitorientiert entwickelt werden.

STANDARD: Vorerst zumindest scheint es doch um das humanitäre Projekt zu gehen. Was hat dann das Unternehmen Syngenta davon?

Potrykus: Abgesehen von den Rechten für eine eventuelle kommerzielle Nutzung, würde ich sagen - und das ist leicht erklärbar: Goldener Reis ist so populär, dass vorhersehbar ist, dass sich das Ansehen der ganzen Technologie verbessern könnte, wenn der Reis ein Erfolg wird. Dieses Ansehen zu verbessern liegt natürlich im Interesse der Firmen.

STANDARD: Wo steht das Projekt nach all den Jahren heute? Gibt es Fortschritte?

Potrykus: Jedes Land hat regional angepasste Reissorten. Wir sind gerade dabei, mit traditionellen Züchtungsarbeit die besonderen Eigenschaften von Goldenem Reis - also die Provitamin-A-Produktion im Reiskorn - in die lokalen Sorten einzukreuzen. Das machen wir mit Partnerinstitutionen in all den Ländern, die wir für unser Zielgebiet halten, auf Einladung der dortigen Regierungen. Derzeit sind das Indien, China, Bangladesch, Indonesien, Vietnam, Nepal und die Philippinen. Insgesamt haben wir so 30 verschiedene lokale Reissorten zu Golden Rice produziert.

STANDARD: Werden diese Sorten schon angebaut?

Potrykus: Nein. Wenn Golden Rice kein GMO - also kein gentechnisch modifizierter Organismus - wäre, wäre er seit 2003 bei den Bauern. Weil er ein GMO ist, wird es vermutlich bis 2012 dauern. Das heißt, wir sind viel weiter zurück, als mir lieb ist. Und das große Hindernis sind Regeln und Gesetze für den Umgang mit transgenen Pflanzen, die viel zu restriktiv sind. Und sie sind teuer. Die Kosten für die Deregulation liegen bei 20 Millionen Dollar.

STANDARD: Wer zahlt das alles eigentlich?

Potrykus: Im Wesentlichen zahlen das die Regierungen der Länder, mit denen wir zusammenarbeiten. Geld kommt aber auch von der Bill & Melinda Gates Foundation, die seit Kurzem auch Projekte zur "Biofortification" finanziert. So lautet die Bezeichnung für das, was wir mit dem Reis gemacht haben: den Gehalt an Mikronährstoffen in Nahrungsmitteln mithilfe der Gentechnik zu verbessern. Ähnliche von der Stiftung unterstützte Projekte laufen mit Banane, Hirse und Maniok - die sind aber alle noch nicht so weit wie Goldener Reis.

STANDARD: Sie durchlaufen derzeit nicht nur das ganze gesetzlich vorgeschriebene Prozedere, um Goldenen Reis auf die Felder zu bringen - Sie sind auch reger Fürsprecher Ihres Projekts in zahlreichen Vorträgen und Diskussionsrunden. Sind Ihnen da nicht doch hin und wieder für Sie nachvollziehbare Argumente gegen den gentechnisch veränderten Reis begegnet?

Potrykus: Die sind mir nicht nur nicht begegnet - sondern ich suche eigentlich intensiv in Diskussionen mit Ökologen nach jemandem, der mir ein ökologisch plausibles Risikoszenario entwickeln kann. Aber bis jetzt konnte mir niemand einen realistischen Schaden für die Umwelt oder für den Menschen, der den Reis isst, ausmalen. Und das löst eigentlich gewaltige Empörung bei mir aus.

Wir haben nämlich andererseits sehr gute Daten, dass Goldener Reis zum Beispiel allein in Indien bis zu 40.000 Menschenleben pro Jahr retten könnte. Die Verzögerung mit Scheinargumenten, die dazu führt, dass der Reis mit einer Verspätung von bis zu zehn Jahren hoffentlich endlich einmal genutzt werden kann, halte ich ehrlich gesagt für nicht verantwortbar. (DER STANDARD, Printausgabe, 27. Juni 2007)

Zur Person
Ingo Potrykus (73) war bis zu seiner Emeritierung 1999 Professor für Pflanzenwissenschaften an der ETH Zürich. Das Problem der Ernährungssicherheit in Entwicklungsländern und das Potenzial der Gentechnik motivierten ihn, die Arbeit in seiner Forschungsgruppe vor allem auf die gezielte molekularbiologische Verbesserung von Reis, Weizen, Maniok und Hirse zu konzentrieren.

Gemeinsam mit Peter Beyer von der Uni Freiburg hat er den Goldenen Reis entwickelt. Seit 1999 ist er Präsident des "Humanitarian Golden Rice Board", das sich der Übertragung des Goldenen Reis in die Entwicklungsländer widmet. (bd)

Link
www.gmi.oeaw.ac.at

  • Ingo Potrykus glaubt, dass Golden Rice erst 2012 bei den Bauern sein wird, weil es sich dabei um einen gentechnisch modifizierten Organismus handelt. "Das heißt, wir sind viel weiter zurück, als mir lieb ist."
    foto: der standard/hendrich

    Ingo Potrykus glaubt, dass Golden Rice erst 2012 bei den Bauern sein wird, weil es sich dabei um einen gentechnisch modifizierten Organismus handelt. "Das heißt, wir sind viel weiter zurück, als mir lieb ist."

Share if you care.