Wer die Schönheit sucht, begibt sich in Gefahr

1. Juli 2007, 19:36
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Harnoncourt diskutiert über das Scheitern

Graz - Alfred Gusenbauer wurde mit keinem einzigen Wort erwähnt. Bemerkenswert.

Denn wer, wenn nicht er, dessen Weg zur Kanzlerschaft einer Via Dolorosa voll des Scheiterns glich, wäre geradezu prädestiniert als Studien- und Diskurssubjekt zum Thema "Die Kultur des Scheiterns", dem sich am Dienstag zu vormittäglicher Stunde im Grazer Burggarten eine kleine Runde - Nikolaus Harnoncourt, Ute Woltron (Standard-Architekturexpertin) und Peter Klein (Ö1) - widmete. Eingeladen hatte die Reininghausgesellschaft, eine Denkwerkstätte des Unternehmers Ernst Scholdan, der in Graz ein von ihm erworbenes Stadtviertel - die Reininghausgründe - neu urbanisieren wird.

Freilich: Was soll sich ein Harnoncourt um die österreichische Innenpolitik scheren, wenn doch so wunderbare Beispiele des Scheitern in der großen Musikgeschichte offen vor ihm liegen. Beethoven etwa, dieser "große Meister des Scheiterns", der erst im Nachhinein quasi "entscheitert" worden sei. Beethoven habe das Scheitern als bewusstes Mittel des Ausdrucks einkalkuliert. Harnoncourt erinnert an die Missa solemnis: Der Sopran ist so hoch angelegt, dass die Anstrengung der Sängerinnen im Chor hörbar werden. "Mit großer Not" werden die Töne "gequetscht". Wenn alle Gruberovas wären und alle perfekt, "das hätte Beethoven nicht gewollt", weiß Harnoncourt.

Wer die maximale, nie erreichbare musikalische Schönheit sucht, "befindet sich unmittelbar beim Absturz". "Wer die größte Schönheit erzielen will, begibt sich in größte Gefahr", warnt Harnoncourt. Wie die Horn-Kickser. Gleich daneben, neben dem "Kickser", schwingt er, der goldene Ton. Darum liebt Harnoncourt die Hornisten, die den Kickser riskieren und vor dem Gipfel der Schönheit erhobenen Hauptes abstürzen.

Was aber, wenn auf das Scheitern, den Kickser, kein neuer Versuch folgt, wenn vom "Trial and Error" nur der Error bleibt, wenn das Scheitern akzeptiert wird als moderne Daseinsform, wenn das Scheitern, wie Klein weiß, bereits Inhalt von Unterhaltungsshows wird? Diese Entwicklung ende im Fatalismus.

Wer nun darf scheitern? Der Künstler, ja. Der Architekt? "Nein", sagt Ute Woltron, Menschen werden hier in das Scheitern "mit hineingezogen". Scheitern sei auch in den gesellschaftlichen und politischen Eliten tabu, sagt Klein. Je höher die Hierarchie, desto geringer die Bereitschaft, sich auf ein Scheitern einzulassen. Man will sich ganz oben, bei den Erfolgreichen, nicht mehr mit dem Odeur des Versagens, des Irrtums umgeben. Künstler müssen die Gefahr des Scheiterns eingehen, sagt Harnoncourt. (Walter Müller/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27. 6. 2007)

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