Graues Haus, jenseits von Gut und Böse

25. September 2007, 14:44
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In der Justizanstalt Josefstadt beaufsichtigen 440 Beamte 1250 Häftlinge - zu wenig Personal für zu viele Insassen

Dass die Justizministerin nun 51 zusätzliche Planposten schafft, ist nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. Ein Lokalaugenschein im Grauen Haus.

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Wien - Eminem ist fast ein Waserl gegen ihn. Der schlaksige Blonde, der gelangweilt im Schulzimmer hockt, hat Gangsta-Posen mindestens genauso gut drauf wie der Rapstar auf seinem T-Shirt. Er schnauzt Johann Friedreich und Othmar Widhalm an: "Das Essen hier ist so was von schlecht, gestern hat sogar wer reingespuckt!" Springt auf, geht auf seine Aufpasser los und tut so, als würde er sie selbst anspucken wollen. Als die beiden nicht reagieren, lacht er hysterisch und verkrümelt sich wieder auf seinen Sessel. Er macht auf böser Bube - aber seine Augen sind trauriger als die von Eminem.

Vielleicht deshalb lächelt Widhalm nachsichtig, und Friedreich murmelt Beruhigendes: "Is scho guat, Burli, beruhig' di, morgen gemma wieder Fußball spielen." Die beiden Justizwachebeamten kennen ihre Pappenheimer. Sie wissen, dass sie unruhig werden, wenn es draußen sonnig und heiß ist.

1250 Häftlinge sitzen im berühmten "Grauen Haus" in der Wiener Josefstadt ein, in Österreichs größtem Gefängnis - darunter verwahrloste 14-Jährige, die beim "Fladern" oder beim "Bruch" erwischt wurden, Junkies, Dealer und auch "Promis" wie Ex-Bawag-General Helmut Elsner, der auf der Krankenstation auf seinen Prozess wartet.

Das Haus ist hoffnungslos überbelegt, drei Viertel der Insassen sind Untersuchungshäftlinge. Zu ihrer Bewachung sind 440 Justizwachebeamte und 110 Nicht-Uniformierte abgestellt - viel zu wenige, wie die Beamten einhellig beteuern. Justizministerin Maria Berger hat bei den Budgetverhandlungen erreicht, dass das Gefängnis Josefstadt 51 Beamte dazu bekommt - ein "Tropfen auf den heißen Stein", wie viele Beamte meinen. Othmar Widhalm würde überhaupt am anderen Ende ansetzen: "Das Problem ist nicht, dass wir zu wenige Beamte haben. Das Problem ist, wir haben zu viele Insassen."

Bewegung ist alles

In der Männerabteilung sind viele Zellen überbelegt, oft müssen "Sozialräume" in Hafträume umgebaut werden. "Viele Probleme entstehen erst daraus, dass die Häftlinge so eng aneinander kleben."

Vor einigen Wochen wurde ein Jugendlicher von Mithäftlingen vergewaltigt, und wieder kam in den Medien die Frage auf, ob die Beamten dies verhindern hätten können. "Zu 100 Prozent kannst du so etwas nie verhindern. Aber wir bemühen uns, Konflikte auszuräumen, bevor sie entstehen", sagt Widhalm. Ihm kommt dabei eine wesentliche Rolle zu: Er organisiert die "Freizeitaktivitäten" im Gefängnis, was im Wesentlichen Fußball spielen bedeutet. Widhalm: "Bewegung ist alles hier herinnen, das beruhigt." Viel Spielraum lässt der Dienstplan der Beamten nicht: Um 15 Uhr ist Dienstschluss, da müssen die Insassen eigentlich zurück in ihre "Hafträume", wie man die Zellen jetzt nennt. Das Abendessen wird kurz davor ausgeteilt, bis 18 Uhr darf man sich noch maximal auf den Gängen aufhalten. Ab 18 Uhr ist Einschluss, und danach beginnt die schwierige Zeit für die Häftlinge - sie sind sich selbst überlassen. Bis zum Frühstück, am nächsten Morgen um 7 Uhr, drehen die Beamten stündlich ihre Kontrollrunden - klar, dass da nicht jede Randale, jeder Übergriff entdeckt werden kann.

Die Zeit wird lang im Gefängnis - es sei denn, man hat das Privileg einer Beschäftigung. Es gibt "Schnupperlehrplätze" für Tischler und Kfz-Mechaniker, mobile "Lerninseln", auf denen man den Computer-Führerschein machen kann, und die Anstaltsschule, die den Jugendlichen offen steht. Arbeit gibt es grundsätzlich zu wenig - und nur, wer sich wohl verhält, hat zumindest eine Chance, etwas tun zu dürfen.

Sprachengewirr "Nur mit den Georgiern ist nichts zu machen", sagt Rudolf Svoboda, zuständig für das "Ausbildungs- und Lernzentrum". Mit denen gebe es auch am häufigsten Konflikte: "Sie sind von daheim gewohnt, dass man mit der Polizei nicht kooperiert." Seit der "Ostöffnung" sind die Justizwachleute mit einem Sprachengewirr konfrontiert, das nur schwer zu bewältigen ist.

Insassen und Wachebeamte reden - wenn möglich - zumeist freundschaftlich miteinander. "Kasernenton" wird, so versichern die Beamten, "nur im Notfall" angestimmt: "Hier gibt es keine Law-and-order-Typen", sagt Peter Hofkirchner. Er ist Vollzugsleiter in der Josefstadt und seit 27 Jahren "dabei". Ähnlich sehen das auch die Herren Widhalm, Friedreich und Svoboda oder die Beamtinnen Renate Ondrovics und Gabriele Knittich, die auf der Frauenabteilung in Eigeninitiative eine "Bastelgruppe" gegründet haben: "Man ist hier mehr Sozialarbeiter als Aufpasser", sagt Knittich.

Freilich ist das nur begrenzt möglich: Die Fluktuation in der Josefstadt ist enorm: 7000 Insassen kommen und gehen jedes Jahr. "Die Beamten tun ihr Möglichstes", sagt Anstaltspsychologe Kurt Jagl, "sie bemühen sich wirklich um die Häftlinge. Das birgt natürlich auch hohes Frustrationspotenzial." Das bestätigt auch ein anderer "Außenstehender", der Sonderpädagoge und Anstalts-Lehrer Wolfgang Riebniger. Er attestiert den Uniformierten "großes Bemühen", träumt aber, wie er sagt, "seit Jahren", von einem noch besseren Strafvollzug: "Sportmöglichkeiten ausbauen, Gruppenausgänge, längere Öffnungszeiten, mehr Ausbildungsplätze." All das, weiß Riebniger, ist mit einem anderen Schlagwort, nämlich "mehr Geld" verbunden - und dass es dieses nicht gibt, ist wiederum nicht den Beamten anzulasten. Genau das passiere aber oft.

Anstaltspsychologe Jagl bestätigt ein "erhöhtes Stressniveau" bei den Wachebeamten. Die vielen Nachtdienste bewirken vor allem bei älteren Beschäftigten Burn-out, Vereinsamung, physische Gebrechen - und, im schlimmsten Fall, Alkoholsucht. Supervisions-Angebote gebe es zwar, doch: "Viele reden nicht darüber, was sie bedrückt." Vor allem die Männer gelten vielen Häftlingen als "Ersatzväter". Deshalb dürften sie keine Schwäche zeigen.

Der schlaksige Blonde hat sich wieder beruhigt. Friedlich löst er Rechenaufgaben und erzählt, dass die Beamten "eh okay" seien. Schon einmal sei er da gewesen, "und weil's so leiwand war, bin ich gleich wieder hergekommen", grinst er. "Morgen Fußball?" fragt er hoffnungsvoll. Othmar Widhalm nickt: "Morgen Fußball." (Petra Stuiber/DER STANDARD, Printausgabe, 27.6.2007)

  • Vollzugsleiter Peter Hofkirchner bei der täglichen Routine: Auf- und Zu-sperren. Viele seiner Mitarbeiter leiden unter erhöhtem Stressrisiko, Supervision nehmen aber nur wenige in Anspruch.
    foto: standard/fischer

    Vollzugsleiter Peter Hofkirchner bei der täglichen Routine: Auf- und Zu-sperren. Viele seiner Mitarbeiter leiden unter erhöhtem Stressrisiko, Supervision nehmen aber nur wenige in Anspruch.

  • "Bewegung ist alles hier herinnen, das beruhigt", meint ein Wachebeamter. Bewegung heißt meistens Fußball. Viel Raum gibt es dafür nicht. Ein Innenhof muss reichen.
    foto: standard/fischer

    "Bewegung ist alles hier herinnen, das beruhigt", meint ein Wachebeamter. Bewegung heißt meistens Fußball. Viel Raum gibt es dafür nicht. Ein Innenhof muss reichen.

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