Der Beirat als Balancekünstler

26. Juni 2007, 19:36
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Gestaltungsbeiräte können Qualität fördern und dabei doch die Kosten bremsen, berichten Experten und Praktiker. Doch wenn die Zusammensetzung nicht stimmt, dann drohen Wohnbauten, die zu teuer werden und die Bewohner nicht zufrieden stellen

Niemand will die Arbeit der Gestaltungsbeiräte schlechtmachen. Aber die Erfahrung in mehreren Bundesländern hat gezeigt, dass die Balance zwischen guter Architektur, vertretbaren Kosten und Bewohnerzufriedenheit nicht immer leicht zu finden war.

So setzte die Steiermark in den Achtzigerjahren im geförderten Wohnbau auf Aufsehen erregende Architektur durch Wettbewerbe, berichtete Siegfried Kristan, Leiter der Abteilung Wohnbauförderung in der Landesregierung. Doch das "Modell Steiermark" habe massive Kostenüberschreitungen, Baumängel und oft unzufriedene Bewohner mit sich gebracht. Seit 1992 setzt das Land auf eine "neue Einfachheit, Sparsamkeit und Zweckmäßigkeit", sagte er. "Die Architekten der Grazer Schule wurden von den Bauträgern nicht mehr beauftragt. Statt Wettbewerben gab es Gutachterverfahren, aus experimentellem wurde ein funktionaler Wohnbau."

Umfeld

Anders lief es in der Stadt Krems, die seit 14 Jahren Gestaltungsbeiräte für die Auswahl der Projekte des gemeindeeigenen Bauträgers einsetzt. Dadurch entstehe eine "neue Qualität, und die ist Kostensenker und Glücksfaktor", erzählte Bürgermeister Franz Hölzl. Möglich sei dies durch "eine gute Nutzung der Flächen, guten Einsatz von Materialien, niedrigere Kosten und die wesentliche Beschleunigung der Bauverfahren". So seien in 14 Jahren 86 Wohnbauprojekte entstanden, in einem Jahrzehnt habe die Stadt 155 Millionen Euro verbaut.

Geholfen habe dabei der "Genius Loci" von Krems, glaubt Hölzl. "Gute neue Architektur hat nur dort Chancen, wo bereits eine gute alte Architektur besteht." Und Krems, laut einer Studie die lebenswerteste Stadt Österreichs, biete dafür genau das richtige Umfeld.

Im Land Niederösterreich gibt es Gestaltungsbeiräte erst seit zwei Jahren, berichtete der Architekt Paul Katzberger, Vorsitzender des Gestaltungsbeirats NÖ-Mitte. "Man merkt bereits, dass bei neuen Planungen die Qualität steigt, weil es dieses Gremium gibt. Es steigt die Quantität der beschäftigten Architekten. Neue Kollegen erhalten dadurch Arbeit."

Soziale Einbindung

Ziel der niederösterreichischen Gestaltungsbeiräte sei nicht die Dekoration, sondern die Anpassung an Landschaften, die soziale Einbindung und die Nutzerbedürfnisse. "Erst dann kommt die Anmutung der Gebäude", sagte Katzberger.

In Wien hätten sich die Beiräte seit 1995 als "Qualitätsregulatoren" erwiesen, die gleichzeitig angewiesen seien, die Kosten zu prüfen, berichtete Robert Korab, Geschäftsführer des Innovationsbüro raum & kommunikation. In einem oligopolitischen Anbietermarkt wie dem Wohnbau seien sie dadurch eine wichtige Kostenbremse. Die Qualität sei gestiegen, ohne die Kosten zu erhöhen.

Gleichzeitig sollten die Beiräte Innovation vorantreiben, was zumindest kurzfristig Kosten verursacht. Doch Korab sieht dies nicht als Fehler: "Denken wir an die Einführung der Scheibenbremse zurück. Ein solches Auto kostet rund zehn Prozent mehr, aber wer will heute schon darauf verzichten."

Fetzig oder konservativ

Im Wohnbau habe das ökologische Niedrigenergiehaus eine ähnliche Rolle gespielt. "In nur sechs Monaten ist es in Wien zum Standard geworden", berichtete Korab.

Eine ständige Debatte in den Beiräten entstehe aus der Spannung zwischen "fetzigem und konservativem Wohnbau". Korabs Meinung: "Experimente sind wichtig, ein gutes Experiment und eine gute Innovation sind aber immer auch wirtschaftlich tragfähig und erfolgreich."

Genau dieses Gleichgewicht werde in manchen Gestaltungsbeiräten nicht gehalten, lassen manche Bauträger durchblicken. "Beiräte sind gut, wenn sie nicht snobistisch sind oder zu einer Seilschaft werden", betonte Ferdinand Rubel, der Vorstandsdirektor der Austria in Mödling. Und Ernst Harsch, Vorstandsdirektor der Baureform-Wohnstätte und VLW in Linz, berichtete von schlechten Erfahrungen mit ausländischen Architekten, die aus Renommiergründen in den Rat berufen werden. "Diese haben von der Bauordnung oft keine Ahnung und haben die Tendenz, ihre eigenen Vorstellungen unterzubringen."

Auch in Wettbewerben würde die Jury oft "Wünsche erwecken, die finanziell nicht machbar sind", klagte Harsch. Dazu komme der subjektive Faktor: "Drei Architekten, vier Meinungen."

Für Korab ist dies unvermeidlich. "Entscheidungen sind nur zu zwei Dritteln sachlich, der Rest ist Trendsetting, Lobbying, Konstellation und Emotion." Und entscheidend blieben die Architekten selbst, denn: "Beiräte können keine Qualität schaffen, sie können sie nur fördern, wo sie vorhanden ist." (Eric Frey, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.6.2007)

  • Der Planer Robert Korab, die Städtebauexpertin Ingrid Krau, der Kremser Bürgermeister Franz Hölzl, der Architekt Paul Katzberger, der steirische Abteilungsleiter Siegfried Kristan sowie die Bauträger-Manager Ernst Harsch und Ferdinand Rubel diskutierten in St. Pölten über Wege zu leistbarer Qualität – im Hintergrund die Roland-Rainer-Siedlung.
    fotos: standardnewald, collage: pass

    Der Planer Robert Korab, die Städtebauexpertin Ingrid Krau, der Kremser Bürgermeister Franz Hölzl, der Architekt Paul Katzberger, der steirische Abteilungsleiter Siegfried Kristan sowie die Bauträger-Manager Ernst Harsch und Ferdinand Rubel diskutierten in St. Pölten über Wege zu leistbarer Qualität – im Hintergrund die Roland-Rainer-Siedlung.

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