Quadratur des Qualitätskreises

26. Juni 2007, 19:33
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Gestaltungsbeiräte sollen im geförderten Wohnbau für Qualität ohne höhere Kosten sorgen. Wie man dabei auch das Glück der Bewohner bewahren kann, diskutierte ein STANDARD-Wohnsymposium

Wer das Wort "Sozialbauten" hört, denkt sofort an Beton und Depression. Nicht so in Österreich: Im geförderten Wohnbau werden seit fast 30 Jahren architektonische Qualitätsprojekte, darunter viele von internationalen Stararchitekten, zu leistbaren Preisen errichtet. Und die Wohnbauförderung hat es Österreich ermöglicht, zu einem internationalen Vorreiter im ökologischen Wohnbau zu werden.

Doch die Qualitätsoffensive stößt gelegentlich an ihre Grenzen. Innovative Architektur macht nicht alle Bewohner glücklich, und die Kosten geraten wie bei allen Bauvorhaben immer wieder aus dem Ruder. Der politische Druck zu ständigen Wettbewerben lässt vor allem kleinere Architekturbüros verzweifeln, die sich die Teilnahme oft nicht leisten können. Auch viele Bauträger würden sich in zahlreichen Fällen eine bodenständigere Definition von Qualität wünschen, als sie etwa im Wiener Wohnbau praktiziert wird. Und angesichts steigender Grundstücks- und Baukostenpreise müssen die Bauträger die Errichtungskosten immer knapper kalkulieren. Geförderte Neubauten sind zwar deutlich günstiger als frei finanzierte, aber für viele Wohnungssuchende immer noch ziemlich teuer.

Herausforderung

Qualität, Kostenkontrolle und Bewohnerwünsche unter einen Hut zu bringen gleicht einer Quadratur des Kreises. Diese zu schaffen ist die Herausforderung für Gestaltungsbeiräte, zu denen immer mehr Bundesländer greifen. Zuletzt auch Niederösterreich, wo Gestaltungsbeiräte vor zwei Jahren eingeführt wurden – mit Erfolg, wie die Referenten und Teilnehmer vergangene Woche auf dem 28. STANDARD-Wohnsymposium, das erstmals in St Pölten stattfand, konstatierten.

In den Gremien sitzen Vertreter des Landes, der Kommunen und der Bauträger und mehrere Architekten und beurteilen alle Projekte nach einer breiten Palette von Qualitätskriterien. Ab einer bestimmten Größe sind Wettbewerbe verpflichtend vorgeschrieben.

Bei der Auswahl gehe es nicht nur, aber auch um moderne Ästhetik, erklärte der niederösterreichische Landesrat für Finanzen und Wohnbau, Wolfgang Sobotka (VP): "Man kann nicht alles am Publikumsgeschmack orientieren. Wir müssen auch der zeitgenössischen Architektur eine Bahn brechen. Es geht auch um die Außenhaut." Sein neuer Wiener Amtskollege, Wohnbaustadtrat Michael Ludwig (SP), betonte in seiner Stellungnahme den Klimaschutz und den sozialen Frieden als zentrale Qualitätskriterien.

"Vielfalt in der Qualität"

Einen passenden Hintergrund zum Symposium, auf dem mehr als 100 Experten und Praktiker die Frage "Neue Qualität im Wohnbau: Kostenfaktor oder Glücksfaktor" diskutierten, lieferte das letzte Werk eines der Großmeister der österreichischen Architektur – die von Roland Rainer konzipierte und seiner Tochter Johanna fertig gestellte langgezogene Gartenstadt am Ufer der Traisen, in Sichtweite des Veranstaltungsaals im niederösterreichischen Landhaus.

Rainer musste sich – anders als weniger bekannte Architekten – gegenüber keinem Gestaltungsbeirat rechtfertigen. Aber diese Gremien bieten gerade jungen Büros eine höhere Chance, in die Kartelle der Platzhirsche einzubrechen und Projekte im geförderten Wohnbau zu verwirklichen, als bei weniger transparenten Auswahlverfahren. "Wir suchen Vielfalt in der Qualität, es gibt kein Gestaltungsdiktat", erklärte der Architekt Paul Katzberger, der den Gestaltungsbeirat NÖ-Mitte leitet.

Was Qualität im Einzelnen ist, bleibt eine subjektive Frage. Und so hängt der Erfolg von Beiräten vor allem von der Auswahl der Mitglieder ab. Diese sind meist kompetent und geben sich Mühe, betonte der Wiener Planer Robert Korab. "Die Tätigkeit in Beiräten ist echte Knochenarbeit, zumindest für die Mitglieder entsteht kein Glücksgefühl", sagte er. "Häufig geraten die Fachleute noch ins Schussfeld der Lobbyisten innerhalb und außerhalb der Beiräte."

Emotionen

Auch wenn Sachlichkeit in allen Auswahlverfahren gefragt sei, spielten Emotionen stets eine zentrale Rolle, fügte Korab hinzu. Beiräte müssten den Zusammenhang der Gesellschaft im Auge haben, sich Moden widersetzen und "jenseits der Pragmatik eines minimalistischen Wohnungsbaus symbolische Positionen in der Architektur und dem Klimaschutz besetzen". Zentrale Aufgabe aber sei "eine Stärkung und der Ausbau der Wohnkultur."

Bei den traditionellen Tischgesprächen der von der Fachzeitschrift mitorganisierten Veranstaltung ging es um die Frage, wie Qualität ohne höhere Kosten erhöht werden könne. Unter den zehn Vorschlägen wurde schließlich der knappe Satz "Qualität zum Standard machen" zum Sieger gekürt. Innovative Normlösungen würden es der Industrie erlauben, kostengünstig zu produzieren, erläuterte Tischsprecher Hugo Ronald Mischek.

Das Resümee der Veranstaltung: Qualität ist viel mehr Glücksfaktor als Kostentreiber – aber nur, wenn ständig auf die Kosten geachtet wird. (Eric Frey, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.6.2007)

  • Qualitätsvolles Wohnen muss nicht teuer sein, heißt es. Aber der Weg dorthin ist steinig.
    fotomontage: adsy bernart

    Qualitätsvolles Wohnen muss nicht teuer sein, heißt es. Aber der Weg dorthin ist steinig.

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