Die Moderne war gestern

26. Juni 2007, 19:39
posten

Die Wohnsiedlung an der Traisen hatte Roland Rainer zwar entworfen, gebaut wurde sie allerdings erst nach seinem Tod

Die Roland-Rainer-Siedlung in St. Pölten ist ein Kooperationsprojekt von Alpenland, der WET und der Wohnungsgesellschaft St. Pölten. Zu Lebzeiten geplant, posthum realisiert, ist sie ein unaufregendes, aber würdevolles Dankeschön an den Architekten Roland Rainer.

Zu den letzten Projekten des Architekten Roland Rainer zählt das Buch "Geplant Gebaut Verändert Vernichtet". Der dicke Wälzer ist nicht zuletzt eine Anklageschrift an die heutigen Prämissen der beinharten Bau- und Immobilienbranche. Der großen Gier des Gewinnmaximierung, der Rentabilität und des Quadratmeter-Schindens sind einige Bauten Rainers zum Opfer gefallen.

Schmucke, kleine Siedlung

Ein Projekt, das definitiv nicht dazugehört, ist die St. Pöltener Roland-Rainer-Siedlung. Die schmucke, kleine Gartensiedlung entlang der Traisen entstand nach Originalplänen Rainers. Seine Tochter Johanna Rainer erklärt: "Die gesamte Siedlung hat mein Vater noch persönlich entworfen. Nach seinem Tod haben wir beschlossen, am Entwurf keine Änderungen mehr vorzunehmen."

Die Wohnanlage in St. Pölten sei einer der planerischen Höhepunkte im Leben des viel zitierten und viel beachteten Doyens gewesen. "Mein Vater hat sich sehr gefreut, dass er in Niederösterreich eine Anlage dieser Größe realisieren konnte", sagt Johanna Rainer. "In seiner Heimatstadt Wien blieb ihm ein solches Wohnprojekt bis zuletzt verwehrt."

Weiß in weiß

Über eine Fußgängerbrücke ist die Rainer-Siedlung an das Regierungsviertel angebunden. Schon im langsamen Herantasten verströmen die Häuschen eine surreale Anmutung. Kurz muss man an die gepinselten Stadtansichten des griechisch-italienischen Malers Giorgio de Chirico denken. Angsteinflößend sind Rainers Häuser gewiss nicht, in der Menge haben sie trotz ihrer geringen Größe aber durchaus etwas Monumentales. Weiß in Weiß halten sie an der Traisenkante die Stellung und bilden auf 450 Meter Länge ein wohnliches Bollwerk gegenüber dem ganz und gar nicht wohnlichen Landhaus.

Insgesamt gibt es in der autofreien Siedlung – die Autos parken unterirdisch – 160 Wohneinheiten. Zusammengewürfelt ergeben sie einen Cocktail aus Geschoß- und Maisonette-Wohnungen, aus Reihenhäusern und Wohnriegeln mit Laubengang. Jede einzelne Wohnung verfügt über einen Freiraum – sei es in Form von Terrasse, Loggia oder sogar eines eigenen Gartens.

In der architektonischen Gestaltung bleiben die heterogenen Rainer-Häuser still, ja beinahe schweigsam. Sie sind kompakt, kleinteilig und dem Maßstab des Menschen angepasst – wahre Großzügigkeit oder gar eine innovative Antwort auf das Wohnen von heute liefern sie jedoch nicht. "Es kommt nicht darauf an, den einen oder anderen Gesichtspunkt durchzusetzen, sondern die Gesamtheit einer menschlichen und kinderfreundlichen Wohnwelt", sagte Roland Rainer zeit seines Lebens. "Dieses Ziel ist wirtschaftlich, städtebaulich und technisch durchaus erreichbar, wenn wir nicht versuchen, mit Wohnbauten monumentale Effekte, sondern menschliches Maß, Urbanität und Ruhe zu erreichen."

Ein Hauch von Museum

Dass weit und breit kein Blumenkistl mit roten Pelargonien vorm Fenster hängt, mag auf den ersten Blick überraschen. Auf den zweiten Blick wird rasch klar, dass sich die Leute ihren floralen Mikrokosmos wohl in den Garten gestellt haben. Auf die gesamte Atmosphäre wirkt sich das kühle Bild jedenfalls aus – und versprüht einen Hauch eines Wohnmuseums der Moderne. Hier regiert nicht etwa das Chaos des Alltags, sondern die klare und strenge Vision eines nicht zu bremsenden Utopisten. Am Ende des Tages sorgt die Roland-Rainer-Siedlung für einige Verwirrung. Das Projekt wurde mit dem Bauherrenpreises 2006 ausgezeichnet. (Wojciech Czaja, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.6.2007)

  • Ein Blumenkistl mit persönlichem Blumenarrangement wird man vergeblich suchen. Dieses bedarf nämlich einer Genehmigung. Dafür gibt es Hawaii-Urlaub auf Balkonien.
    foto: standard/robert newald

    Ein Blumenkistl mit persönlichem Blumenarrangement wird man vergeblich suchen. Dieses bedarf nämlich einer Genehmigung. Dafür gibt es Hawaii-Urlaub auf Balkonien.

Share if you care.