Brown will "Vertrauen aufbauen"

2. Juli 2007, 16:35
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Frisch angelobter Premierminister Großbritanniens übt indirekte Kritik an seinem Amtsvorgänger Tony Blair

Als erster Schotte seit 1964 ist Gordon Brown seit Mittwoch britischer Premierminister. Mit der Art, wie er seine Ernennung durch die Queen entgegennahm, signalisierte er einen Stilwechsel. Vorgänger Tony Blair erhielt im Unterhaus Standing Ovations.

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Wie es sich für die Königin gehört, erhielt Queen Elizabeth II. als Erste einen Eindruck von der "Veränderung", die Gordon Brown für seine Amtszeit angekündigt hat. Vorgänger Tony Blair war bei seinem Amtsantritt 1997 vor der Monarchin niedergekniet und hatte ihr die Hand geküsst. Der puritanisch erzogene Schotte hingegen besiegelte den formalen Akt des Regierungsauftrags im Buckingham-Palast am Mittwochnachmittag mit einem Händedruck.

Anschließend bezog der 56-Jährige mit seiner Frau Sarah und den Söhnen John (3) und James Fraser (elf Monate) den Amtssitz des Premierministers in der Downing Street. "Ich bin sicher, dass Großbritannien eine große Zukunft gehört", sagte Brown. Zu seinen ersten Amtshandlungen gehörten Telefongespräche mit Gratulanten aus aller Welt, darunter US-Präsident George W. Bush. Im Lauf des Abends wollte der neue Premier erste Personalentscheidungen bekannt geben.

Kabinettsumbildung angekündigt

Weil der promovierte Historiker unter Tony Blair gut zehn Jahre als Schatzkanzler diente, galt seiner Nachfolge im zweitwichtigsten Regierungsamt das Augenmerk von Labour-Fraktion und Opposition. Der erste Schotte im höchsten britischen Regierungsamt seit 1964 wird darauf achten müssen, die Regionen des Vereinigten Königreichs gerecht zu berücksichtigen. Brown hatte zudem angekündigt, mehr Frauen ins Kabinett zu berufen.

Den Regeln der parlamentarischen Demokratie Großbritanniens zufolge hätte Tony Blair nach seinem Wahlsieg im Mai 2005 noch bis Mai 2010 im Amt bleiben können. Stattdessen kündigte er vor sieben Wochen seinen Rücktritt an, übergab am vergangenen Sonntag das Amt des Labour-Parteichefs an Brown und gab am Mittwoch auch sein Regierungsamt auf.

Zuvor absolvierte Blair zum letzten Mal eine Bravourvorstellung im Unterhaus, "das ich stets gefürchtet habe", wie er einräumte. Oppositionsführer David Cameron bedankte sich für Blairs "große Verdienste für unser Land. Meine Kollegen und ich wünschen ihm viel Erfolg in der Zukunft." Auch andere Oppositionspolitiker sowie Kritiker in der eigenen Partei lobten den sichtlich gerührten Blair. Für Heiterkeit sorgte ein notorischer EU-Feind, der dem von Blair am vergangenen Wochenende mit ausgehandelten Verfassungsvertrag eine Absage erteilte und eine Volksabstimmung forderte. Die knappe Antwort des Noch-Premiers: "Au revoir, auf Wiedersehen und Arrivederci." Entgegen aller parlamentarischer Etikette verabschiedete das Unterhaus Blair mit Standing Ovations.

Wahlspekulationen

Sein Nachfolger Brown ist der erste Schotte im Amt des britischen Premierministers seit Alec Douglas-Home. Dem konservativen Grafen Home wird der puritanisch erzogene Pfarrerssohn nicht nacheifern wollen: Home überstand nur ein einziges Jahr in der Downing Street, ehe ihn die Wähler im Oktober 1964 aus dem Amt jagten. Brown muss die Briten spätestens im Mai 2010 zu den Urnen rufen, als wahrscheinlich gilt aber das Frühjahr 2009.

Tony Blair wurde am Abend in seinem nordenglischen Wahlkreis Sedgefield (Grafschaft Durham) erwartet, wo er dem örtlichen Parteiverband seinen Rücktritt auch als Abgeordneter mitteilen wollte. Offenbar will sich der 54-Jährige vollständig auf seine neue Rolle als Nahostvermittler konzentrieren. (Sebastian Borger aus London/DER STANDARD, Printausgabe, 28.6.2007)

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    Gordon Brown mit Gattin Sarah am Mittwoch auf dem Weg zu Königin Elizabeth II.

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    Unbequemer Abschiedsgruß an Tony Blair: Angehörige von im Irak gefallenen oder dienenden britischen Soldaten in der Downing Street.

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