Zuviel Monat am Ende des Geldes

3. Juli 2007, 07:00
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Der Sozialgesetzes- dschungel belastet Alleinerzieherinnen statt sie zu entlasten - eine Fremde Feder von Ursula Staffa

Rund 90 Prozent aller Alleinerziehenden sind immer noch Frauen. Und deren Existenzlage ist viel zu häufig immer noch mehr als trist.

Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum es kaum weibliche Bankräuberinnen gibt? Es könnte sein: Für Frauen ist Gewalt keine Lösung. Jedenfalls nicht für Alleinerzieherinnen mit der Verantwortung für minderjährige Kinder. Was aber bringt allein erziehende Mütter in Armutsgefahr?

Frau A., teilzeitbeschäftigte geschiedene Mutter dreier Kinder, fing an, Fragezeichen aufzustellen, als die Alimentezahlungen des Kindesvaters nur mehr im Wege über das Gericht einlangten; als die halbierte Familie unterdessen jahrelang vom Unterhaltsvorschuss des Jugendamtes lebte. Sie fühlte sich schuldig, wenn ihr die gutsituierte Nachbarin, von Beruf Ehefrau mit Diplom, mit Kopfschütteln begegnete: Warum sie denn die Kinder nicht in die neuerrichtete Kinderkrippe mit den tollen Öffnungszeiten brächte? Wie Frau A. mit ihrem Monatseinkommen von unter tausend Euro als Reinigungskraft – denn einen Fachberuf hatte sie nie erlernt - den Kindergartentarif berappen sollte, wusste leider auch die Nachbarin nicht.

Deutliche Missstände begann auch Frau M., Alleinerzieherin einer achtjährigen Tochter, zu spüren, als ihr das Arbeitsamt zum zehnten Mal mitteilte, dass sie keine passende Teilzeitarbeitsstelle zur Verfügung hätten. Aber Frau M. könnte gerne inzwischen einen Kurs für Wiedereinsteigerinnen besuchen, um ihre Vermittlungschancen zu erhöhen.

Frau C., zweifache Mutter und am Arbeitsmarkt schwer vermittelbar, geriet in Panik, als sie am Sozialamt die Auskunft erhielt, dass sie, wenn sie nicht selbsterhaltungsfähig wäre, den Verflossenen auf Ehegattinnenunterhalt klagen müsste. Frau C. war Jahre zuvor aus einer Gewaltsituation geflüchtet.

Der Sozialstaat lässt Alleinerziehende rotieren

Das Jugendamt kann das Existenzminimum zwar für die Kinder, nicht aber für deren Mütter sichern. Das Sicherungsnetz der Frauen ist der ausgedünnte Arbeitsmarkt oder das Sozialamt. Letzteres fühlt sich häufig nicht einmal in akuten Notsituationen zuständig. Laut Unterhaltsvorschussgesetz (UVG) wird allerdings auch Kindern kein Alimentationsvorschuss gewährt, wenn der unterhaltspflichtige Elternteil zum Beispiel durch unverschuldete Arbeitslosigkeit oder Arbeitsunfähigkeit nicht imstande ist, Unterhalt zu zahlen.

Liebe Feministinnen, ihr habt ja recht: Frauen brauchen mehr Durchsetzungsvermögen. Häufiger offene Konfrontation. Mehr Solidarität. Aber ist das nicht das Privileg jener, die durch Sprache, Bildung und Selbstbewusstsein das Werkzeug dazu in die Hand bekommen haben?

Um ein drastisches Bild zu wählen: Welche Alleinerziehende ohne höheren Bildungsabschluss, die im Gewand der Bittstellerin am Amt erscheint, besitzt den Mut, nachdem sie nach zwanzigminütiger Wartezeit auf dem Plastikstapelstuhl ihren Stolz an den einsamen Nagel in der Wand gehängt hat, dem Pragmatisierten hinter dem Schreibtisch die Aussichtslosigkeit ihrer Lebenssituation vor Augen zu führen? Wonach dieser sie womöglich amtsmüde ignoriert: "Sie wissen ja, wir würden gerne weiterhelfen, aber die Gesetzeslage...". Solche ständig vor sich hergeseufzten Argumente strapazieren den Kampfgeist benachteiligter Frauen erheblich.

Lösungswege aus der Frauenarmut

Einige gezielte Eingriffe in den einseitig belasteten Organismus der Sozialgesetzgebung würden die Lebensqualität Alleinerziehender massiv verbessern:

  • Änderung der Wohnbeihilfenrichtlinien zugunsten von Frauen in Trennungssituationen: Aufnahme des Familienstatus "getrennt lebend" in Antragsformularen aller Bundesländer
  • Anpassung des ortsüblichen Quadratmeterpreises an die realen Verhältnisse und somit leistbarer Wohnraum
  • Streichung von Richtlinien, die eine Aufrechnung von Teilzeitlöhnen auf Vollzeitlöhne vorsehen und damit die Wohnbeihilfe für Frauen mit Erziehungspflichten erheblich minimieren
  • Finanzierbare Modelle für Ganztagskinderbetreuung
  • Anhebung der Frauenlöhne in Niedriglohnbranchen
  • Sozialhilfe als Soforthilfe in Notsituationen, Verzicht auf langwierige Amtsverfahren in Trennungssituationen, in Gewaltsituationen Verzicht auf subsidiäre Unterhaltsklagen

    Wie wunderbar gerecht wäre doch die Erfüllung eines sozialen Wunschtraums: Der Gesetzesgeber schafft Gesetze, die es den Frauen ganz leicht machen, diese einzuhalten, ohne sich selbst zu strangulieren.

  • 3. Juli 2007

    Zur Person
    Ursula Staffa ist dipl. Sozialarbeiterin und schreibt unregelmäßig für soziale Fachzeitschriften und ein Online-Magazin. Der Inhalt dieser Fremden Feder bezieht sich auf dokumentierte Fälle aus der persönlichen Berufpraxis der Verfasserin als Sozialarbeiterin. Die Verfasserin ist kinderlos, aber solidarisch im Geiste – schon deshalb, weil sie weiß, dass sie als Alleinerzieherin gar keine Zeit gehabt hätte, diesen Artikel zu schreiben.

    Links
    alleinerziehen in wien
    Österr. Plattform für Alleinerziehende
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      Von Kinderalimenten lässt sich keine Miete bezahlen.
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