Das Leben jenseits von Temelín

26. Juni 2007, 22:56
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Es gibt auch österreichisch-tschechische Beziehungen jenseits von Temelín - Diverse Kooperationen liefern ein positives Beispiel

Groß Siegharts - In Groß Siegharts im nördlichen Waldviertel kamen vergangene Woche 170 Gemeindevertreter zusammen, um grenzüberschreitende Kooperationen zu besprechen. Initiatorin war Margot Klestil-Löffler, Österreichs Botschafterin in Prag, die bereits 2006 in Budweis ein erstes "österreichisch-tschechisches Bürgermeistertreffen" organisiert hatte. Für die Vertiefung der "natürlichen Partnerschaft" seien persönliche Kontakte besonders wichtig, sagte sie.

"Der tschechische Markt ist für uns der wichtigste unter den neuen in der EU", ergänzte Nikolaus Seiwald, Österreichs Handelsdelegierter in Prag. Die Exporte nach Tschechien machen drei Milliarden Euro aus, die Importe von dort sind noch etwas höher. "Tschechien wird bis 2013 von der EU rund 25 Milliarden Euro erhalten", sagte Seiwald. Davon seien 2,5 Mrd. für Umweltprojekte vorgesehen.

So war es nicht überraschend, dass neben österreichischen Bürgermeistern, die mit ihren tschechischen Kollegen Erfahrungen austauschen wollten, auch etliche Firmenvertreter nach Groß Siegharts gekommen waren, um Umwelttechnologie zu den Bereichen Abfall- und Wasserwirtschaft, Biogas, Kompostierung und Ökostrom anzubieten.

Beziehungen zu den Reformstaaten

Vom wirtschaftlichen Aufbruch des Nachbarn profitierten auch Klein- und Mittelbetriebe "vom Handwerker bis zum Ingenieurbüro", sagte Sonja Zwazl, die Wirtschaftskammer-Chefin Niederösterreichs. Dass die Wirtschaft dieses Bundeslandes 2006 um 3,8 Prozent wuchs, sei vor allem den Beziehungen zu den Reformstaaten zu verdanken.

Tschechien mache es Österreichern leicht, in diesem Land Firmen zu gründen, hieß es beim Bürgermeistertreffen. Leichteren Zugang für tschechische Bürger zum österreichischen Markt und die überfällige Realisierung einer Autobahnverbindung Wien - Prag wünschte sich Ivana Popelová, Vizebürgermeisterin von Èeské Budìjovice (Budweis).

Der südböhmische Kreisrat Frantisek Stangl wies das Vorurteil, Österreicher könnten Tschechen nicht leiden, zurück. "Jeder richtige Österreicher hat eine tschechische Großmutter - wie soll er seine Oma nicht mögen?", sagte Stangl beim Treffen, bei dem bemerkenswerterweise das AKW Temelín kein einziges Mal erwähnt wurde.

"Im Herzen Europas" Zum Abbau von Vorurteilen planen Einrichtungen wie das Interkommunale Zentrum Groß Siegharts (IIZ) auch Tourismus- und Kulturkooperationen. So soll die niederösterreichische Landesausstellung 2009, 20 Jahre nach dem Verschwinden des Eisernen Vorhangs, unter dem Titel "Im Herzen Europas" nicht nur in Horn und in Raabs an der Thaya, sondern auch im tschechischen Telè stattfinden, das mit seiner Altstadt aus Renaissance und Barock zum Unesco-Weltkulturerbe gehört. Roman Fabes, Bürgermeister von Telè, sagte dazu dem Standard: "Raabs und Horn sind auch historische Städte, wir haben viele gute Verbindungen in der Historie, und jetzt suchen wir neue."

Oberösterreich will seine Landesausstellung 2013 unter dem Motto "Hopfen, Salz & Cyberspace" nicht nur in Freistadt und Bad Leonfelden, sondern auch in Èeský Krumlov (Krumau) und in Vyssi Brod (Hohenfurth) abhalten.

Schon diese Woche, am 29. und 30. Juni, feiert die Grenzstadt Gmünd ihr Altstadtfest unter dem Titel "Übergänge - Pøechody" mit zahlreichen Kulturevents gemeinsam mit dem auf tschechischer Seite gelegenen Èeské Velenice. Aktionen, die "Begegnungen blockieren oder erschweren", betonen die Veranstalter, lehne man ab. (Erhard Stackl/DER STANDARD-Printausgabe, 26.6.2007)

  • Altes Handwerk: "Bandlkramer" in Groß Siegharts
    foto: erhard stackl

    Altes Handwerk: "Bandlkramer" in Groß Siegharts

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