Das Gelächter der Bildungsphilister

25. Oktober 2007, 15:57
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Das allgemeine Lob auf die Bildung degeneriert zu einem Lob auf die klassisch-konventionelle Wissensformierung - Von Thomas Auinger

In einem kürzlich erschienenen Gastkommentar "Bizarre Forschungsblüten", DER STANDARD, 13. 6. 2007) wird heftig daran gearbeitet, die Donau-Universität Krems und insbesondere einen dort angebotenen Universitätslehrgang in Misskredit zu bringen. Der angesprochene Universitätslehrgang ist in seiner Art einzigartig und versucht auf innovative Weise, sehr unterschiedliche Richtungen (wie Traditionelle Chinesische Medizin, Feng-Shui, Taoismus, Architektur, Meteorologie, östliche und westliche Philosophie etc.) miteinander synergetisch in Verbindung zu bringen. Im Allgemeinen werden all diese Ressourcen, vorwiegend in ihrer praktischen Ausrichtung, unter dem Label "Lebensraumoptimierung" zusammengefasst, woraus die kurze Lehrgangsbezeichnung "LO-Feng Shui" resultiert. Ziel ist es, ein ganzheitlicheres Verständnis zu etablieren, das sich dazu eignet, Einzelpersonen, Familien, private oder gewerbliche Institutionen beratend zu unterstützen. – Da sich nun die Absolventen dieses Lehrganges akademische Experten nennen dürfen, ist es nicht verwunderlich, dass sich sogleich auch Kritik regt und von manchen die Wissenschaftlichkeit einer solchen Ausbildung angezweifelt wird.

Bei einem derartigen Projekt wäre es von vornherein unsinnig und kontraproduktiv, eine Wissenschaftsmethodologie einfordern zu wollen, welche lediglich die Vorgaben und Intentionen einer spezifischen Richtung befriedigt. So würde wohl kaum Fruchtbringendes entstehen, wenn sich etwa eine buddhistisch inspirierte Weltsicht innerhalb des Wertekanons eines Hardcore-Naturalismus legitimieren müsste.

Klarerweise bringt solch eine Bemerkung die Relativismuskritiker auf die Barrikaden, die zwar völlig Recht haben mögen, aber kaum nutzbringende Hinweise zur Verständigungsbeförderung zwischen disparaten Positionen beisteuern. Es wäre aber sehr traurig, wenn Menschen mit so divergenten Überzeugungen aufgrund einer bestimmten Wissenschaftsdoktrin dazu verdammt wären, sich auf ewig nichts mehr sagen zu können oder nichts mehr sagen zu dürfen. Diese Sprachlosigkeit zu unterminieren, ist unter anderem ein Ziel, das sich der Universitätslehrgang "LO-Feng Shui" gesetzt hat. Darüber hinaus wird einer verengten szientistischen Wissenschaftsgläubigkeit entgegengewirkt, die anders geartete Zugänge von vornherein aus der akademischen Welt ausschließen möchte, selbst aber nur allzu häufig damit arbeitet, sich die Mäntelchen der Interdisziplinarität und Transdisziplinarität umzuhängen.

Letztlich ist das Ganze einfach nur traurig, aber symptomatisch für unsere derzeitige Lage, in der sich das Bildungsphilistertum über Pseudo- und Parawissenschaftlichkeit empört, aber keinerlei Einsichten in das eigene Verbildetsein generiert. Es ist sich zu schade, daran mitzuhelfen, Mängel eines progressiven Projekts zu beseitigen, scheut sich aber nicht im mindesten, eben diese Mängel, die im Anfangsstadium durchaus vorkommen können, als ausreichenden Anlass zu nehmen, um Ansätze zu einer neuen Wissenschaftskultur im Keim zu ersticken.

Das allgemeine – zumeist sehr unreflektierte – Lob auf die Bildung degeneriert so zu einem Lob auf die klassisch-konventionelle Wissensformierung, deren Begriffsschema als einzig gültiges Weltauslegungsinstrument zugelassen wird. Mitunter wird auf diese Weise die nicht akademische Beschäftigung mit über Jahrhunderte gewachsenen Traditionen auf ganzen Erdteilen in Esoterik-Ecken abgeschoben, wo sie zwar in überbordender Fülle ständig weiterwachsen, aber der hehren Wissenschaft nicht mehr gefährlich werden können.

Gegen Eindringlinge

Und wenn nun aber doch das System porös wird und erste Eindringlinge ausgemacht werden, dann wird eben mit allen Mitteln gegen sie vorgegangen. Dass dahinter bisweilen so genannte gute Absicht steckt, verkennt die Wirkung und die breite Rezeption, die mit sensibler Interpretation wenig am Hut hat. Diese feinsinnige Methode hat schon einiges an Destruktion erzeugt und verwehrt vielem den Eintritt in das Reich der einstweilen noch bedingten Universität, die im Sinne Derridas einmal eine unbedingte Universität werden könnte. Einstweilen gibt es aber noch äußerst fest gefügte Strukturen, die es kleinen Versuchen der geistigen Liberalisierung einigermaßen schwer machen. Demgegenüber ist zu hoffen, dass sich der Universitätslehrgang "LO-Feng Shui" auch weiterhin erfolgreich entwickelt und jene Pseudo- und Parakritiker echten Kritikern Platz machen. (Thomas Auinger/DER STANDARD-Printausgabe, 26. Juni 2007)

Zur Person
Thomas Auinger ist Lektor am Institut für Philosophie der Universität Wien und an der Donau-Universität Krems sowie Autor des Texts "Bildung als Betrug und Selbstbetrug" im kürzlich erschienenen Sammelband "Wissen und Bildung", Verlag Peter Lang.
  • Gegen einen verengten Wissenschaftsbegriff: Die Kritik an vermeintlich esoterischen Lehrgängen an der Donau-Universität Krems zeigt auf, wie dogmatisch die eigenen Begriffschemata verteidigt werden.
    foto: privat

    Gegen einen verengten Wissenschaftsbegriff: Die Kritik an vermeintlich esoterischen Lehrgängen an der Donau-Universität Krems zeigt auf, wie dogmatisch die eigenen Begriffschemata verteidigt werden.

  • Wo liegt der beste Energiefluss unter Akademikern? Der Luo Pan ist das wichtigste Gerät von Feng-Shui-Beratern.
    foto: epa/sachs

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