"Gesellschaft in Balance"

26. Juli 2007, 10:21
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Die Dokumentation des Weltkongresses für Matriarchatsforschung liefert anregende Antworten - Ein Buchtipp

Frauenfragen sind Menschheitsfragen und keine Randerscheinung - die Frage nach den Möglichkeiten verschiedenster menschlicher Lebensmodelle ist eine der wichtigsten Zukunftsfragen überhaupt, wenn nicht sogar die Frage schlechthin, ob wir überhaupt eine Zukunft haben werden.

Viele anregende Antworten auf diese wichtige Frage, Berichte von Erkenntnissen, Thesen, Forschungsprojekten,... verschiedenster, internationaler AutorInnen finden sich im Band "Gesellschaft in Balance". Definitionen sowie Reichweite und Aktualität matriarchaler Gesellschaften werden vorgestellt - sowohl in ihren historischen wie in den gegenwärtigen Formen. Im Sinne von "ein neues Jahrtausend, eine neue Wissenschaft, eine neue Politik" wird über Theorie und Politik der Matriarchatsforschung, über matriarchale Gesellschaften der Gegenwart in Asien, in Afrika und in Amerika, sowie über die Patriarchatsentstehung und über die matriarchale Politik, Spiritualität, Ästhetik und Medizin ausführlich und anregend berichtet.

Beispiele

Besonders aufschlussreich sind die Beiträge von Lucia Chiavola Birnbaun ("Die dunkle Mutter, die dunklen Anderen und eine neue Welt, am Beispiel Sardiniens") und Veronica Bennholdt-Thomsen ("Eine matriarchale Gesellschaft in Zeiten der Globalisierung: Juchitan in Mexiko"). Chiavola Birnbaum berichtet von ihrer Theorie, dass die Besiedlung Europas von Afrika ausging und auf eindeutigen matriarchalen Strukturen fußt. Bennholdt-Thomson beschreibt ausgiebig eine derzeit real existierende Gesellschaft in Mexiko, einer funktionierenden marktwirtschaftlichen Kultur, in welcher eindeutig die Frauen das Sagen und die völlige Autonomie haben.

Malika Grashoff zeigt in ihrem Text, wie bei ihrem Volk, den Kabylen, bis zum heutigen Tag die Muster in Keramik und Weberei als eine reelle Frauensprache dienen, die von Eigenmacht und dem Wissen der Frauen erzählen. Claudia von Werlhof kritisiert die herrschende patriarchale Gesellschaft als wahnhafte Perspektive, die ursprünglich und fortgesetzt von matriarchalen Strukturen parasitär lebt, sie dabei umdeutet und zerstört. Joan Marler schreibt begeistert über das richtungweisende Lebenswerk der amerikanisch-litauischen Archäologin Marija Gimbutas.

Asien

Matriarchale Gesellschaften der Gegenwart in China und Indonesien beschreiben ForscherInnen aus Asien, Ruxia Yan, Lamu Gatusa, Shanshan Du, Xiaoxing Liu. Neue Blickwinkel auf die aktuellen Geschlechterverhältnisse in Europa eröffnet Ingrid Olbrichts Beitrag zur aktuellen Debatte der Gendermedizin "Frauengesundheit - Männermedizin" und Cécile Keller berichtet von ihrer Forschung zu "Medizin in matriarchalen Gesellschaften".

Fotos vom Kongressgeschehen und Pressestimmen, welche die Vielfalt dieses Weltkongresses spiegeln und ein Bericht über die matriarchale Kunst und Spiritualität auf dem Kongress runden die vorzüglichen und inhaltlich sehr unterschiedlichen Beiträge ab. Die gelungene Dokumentation richtet sich an alle, die an einem nachhaltigen Wandel unserer patriarchalen Gesellschaften in eine frauenfreundliche, lebenswerte und weltweite Gemeinschaft interessiert sind, in welcher der Maßstab für das Wohlergehen aller die Bedürfnisse von Frauen und Mädchen sind. (Ruth Devime/dieStandard.at, 24.07.2007)

Heide Göttner-Abendroth (Hrsg.).
Gesellschaft in Balance.
Dokumentation des 1. Weltkongesses für Matriachatsforschung 2003 in Luxemburg.
311 S. / 28,80 Euro.
2006, Kohlhammer.
ISBN 978-3-17-018603-3

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