Bauchflugzeuge und so Dinge halt

1. Juli 2007, 21:24
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Klar ist es fein, frisch verliebt zu sein. Aber das legt sich. Leider

Es war vorgestern. Beim Auf-den-nach-Hause-Bus-Warten. Da sagte A. dann einen dieser Frauen-Sätze, bei denen Männer sich ertappt fühlen. Obwohl wir – ausnahmsweise – nichts falsch gemacht haben. Jedenfalls nicht bewusst. Und obwohl Frauen wie A. das gar nicht als Angriff oder Vorwurf meinen. Sagen sie jedenfalls. Nicht nur A., sondern auch andere Frauen. Sagen deren Männer.

Weil: Ab und zu – auch wenn das nicht der gängigen Gender-Stereotypdenke entspricht – reden Männer auch miteinander darüber, nach welchen Mustern Beziehungen funktionieren. Aber das soll hier gar nicht Thema sein. Denn A. sagte einfach nur, dass mit eine der schönen Seiten an Frühling und Frühsommer der Blick auf glücklich verliebte Paare sei.

Gegenreferat

Ich schnaubte (auch so ein Männer-Stereotyp bei solchen Sätzen). Vermutlich leicht genervt (ganz bestimmt ein Männerding bei solchen Sätzen). Und bemühte mich, nichts zu sagen. Aber A.s Blick sagte, dass sie ohnehin wusste, was ich dachte. Also seufzte ich und referierte. Dass es natürlich lieblich sei, all den jungen Paaren beim Verliebtsein zuzuschauen. Dass es auch mich freudig stimme, zu sehen, wie da zwei Menschen zueinander wuchsen, sodass es jeder auf 3000 Meter Distanz erkennen konnte – und nur die Betroffenen wären sich nicht sicher. Dass es schön sei, zu bemerken, wenn zwei Menschen einander im Café oder auf der Straße immer wieder rein zufällig und ganz ganz unabsichtlich streiften. Und dass es mit eines der schönsten Geräusche sei, den Sound der Flugzeuge im Bauch völlig Fremder zu hören zu vermeinen. Dann war ich still.

Aber A. kennt mich. Wo das „Aber“ bliebe, fragte sie. „Kein Aber,“ sagte ich. A.: „Lüg nicht.“ Ich gab auf: Knallgrelle Verliebtheit sei aber eben auch eine Zeit-Sache, sagte ich. Und natürlich hätte ich tags zuvor ihren, A.s, schmachtend-neidigen Blick gesehen, als an der Kreuzung der Junge auf der Retro-Vespa neben uns seiner Freundin die Hand aufs Knie gelegt habe. Ganz leicht und sanft. Und natürlich hätte ich auch gesehen, wie er unter seinem Jet-Helm glücklich gelächelt hatte, als er spürte, dass das Knie tatsächlich da war. Und natürlich sei das total süß gewesen.

Sommergewitter

„Aber,“ bohrte A. Und ich sagte „aber“: Etwa, dass es schon einen Grund gehabt habe, dass wir da im Auto neben dem Paar gesessen hatten. Auch, weil sie A. früher – als wir noch Vespa gefahren waren – die Romantik eines plötzlichen Sommergewitters nie so wirklich zu schätzen gelernt habe. Und dass der Frisch-Verliebtheits-Schutzschild halt auch nachlasse. Und man nach und nach dann irgendwann – um bei der Vespa zu bleiben – den ewigen Rucker beim Schalten vom zweiten in den dritten Gang, nicht mehr für eine charmant Eigenschaft des Rollers, sondern für ein zu behebendes Gebrechen hielte.

Außerdem, schwafelte ich weiter, sei man in der Phase der wüsten Verliebtheit dermaßen gaga im Kopf, dass man ohnehin gar nicht erkennen könne, was man am Anderen habe. Also wirklich habe. Das käme alles erst, wenn die Nebel der hormonellen Erstverwirrung sich langsam und hin und wieder zu lichten begännen. Das sei eben so. In der Pubertät. Und auch danach. Aber ab einem gewissen Alter, gewänne der Kopf dann eben immer schneller. Das war das Stichwort: A. reichte es – ich bekam eine Kopfnuss. Dann blieb sie stehen, nahm mein Gesicht in die Hände und drehte meinen Kopf: „Da hast du deine Kids. Blöder, verkopfter Ewigrechthaber.“

Händchenhalten

Auf der Bank neben der Bushaltestelle saß ein Paar. Nebeneinander. Er hielt ihre rechte Hand, und sein linker Arm war um ihre Schultern gelegt. Ihr Kopf lehnte an seiner Wange. Das Paar schien vor Verliebtheit im Dunkeln zu Leuchten. Trotzdem hatte ich die Stöcke übersehen – die hielt die Frau in ihrer linken Hand. Zwei Alte-Leute-Gehstöcke. Denn die beiden waren alt. Steinalt. Locker über 80. Aber ihre Augen glänzten, als wären sie gerade erst übereinander gestolpert.

Die Frau hatte A.s Kopfnuss nicht übersehen. Jetzt lachte sie leise vor sich hin. Dann sprach sie A. an: „Wir sind seit über 50 Jahren verheiratet. Und am Anfang hat er“ – ein Blick zu ihrem Mann – „auch immer unendlich genau gewusst, wie das mit dem Verliebtsein so ist. Oder was sich in einem gewissen Alter in der Öffentlichkeit schickt. Aber das hab ich ihm ausgetrieben. Kopfnüsse sind da durchaus angebracht. Manchmal wirken die Wunder.“

Der alte Mann protestierte. Aber während er leise mit seiner hellen Altmännerstimme herumnörgelte, sah er mir in die Augen. Und da wurde ich fast neidig: Dieses die ganze Welt umarmende innere Lachen haben nur Menschen, die bis über beide Ohren verliebt sind. Und die auch mit 80 noch Teenager sein können. (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 25. Juni 2007)

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