"Trinken bagatellisiert"

30. Jänner 2008, 15:45
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Gefährliche Koexistenz von Alkoholismus und Depression, aufgehobe­ne Medikamenten-Wir­kungen und die richtige Dosis Alkohol - Psychi­ater Michael Musalek im Interview

STANDARD: Wie kommt es, dass Sie im nächsten Jänner eine Konferenz über Alkoholismus und Depression organisieren?

Musalek: Diese Komorbidität ist sehr häufig. Siebzig Prozent der Alkoholpatienten am Anton-Proksch-Institut leiden auch an einer Depression oder Angststörung.

STANDARD: Führt Depression zum Trinken, oder schädigt zu viel Alkohol die Psyche?

Musalek: Die Frage haben wir uns lange gestellt und entschieden, dass sie irrelevant ist. Behandelt werden muss sowieso beides. Sonst steigt die Gefahr, dass der Patient in ein anderes Suchtmittel flieht, nämlich oft zu Medikamenten.

STANDARD: Besteht diese Gefahr nicht ohnehin, wenn Alkoholiker mit Antidepressiva behandelt werden?

Musalek: Antidepressiva machen nicht abhängig, weil sie ihre Wirkung nur entfalten, wenn jemand depressiv ist, ansonsten stellen sich nur unerwünschte Nebenwirkungen ein. Aber Tranquilizer und Schmerzmittel, die auch auf die Psyche wirken, können zu Suchtmitteln werden.

STANDARD: Werden depressive Patienten von Ärzten nach ihrem Trinkverhalten befragt?

Musalek: Leider selten. Alkohol wird nur angesprochen, wenn ein Patient dieses Problem offensichtlich hat. Problematisch daran ist, dass Alkohol die Wirkung von Antidepressiva aufhebt. Dann wird eher ein anderes Medikament versucht, als dass der Arzt herausfindet, warum das erste wirkungslos geblieben ist.

STANDARD: Sollten Ärzte stets nachfragen, wie viel ihre Patienten trinken, bevor sie etwas verschreiben?

Musalek: Obwohl Wechselwirkungen mit Medikamenten häufig sind, geschieht das noch immer zu selten. Wir hätten in der neuen Vorsorgeuntersuchung gerne ein paar Fragen zum Trinkverhalten gesehen, aber das ist auf großen Widerstand gestoßen.

STANDARD: Es gibt immer wieder Kampagnen, die das Bewusstsein für Depression schärfen sollen. Warum wird Alkohol da nicht erwähnt?

Musalek: Das ist bedrückend, aber es spiegelt den gesellschaftlichen Umgang mit Alkohol wider. Trinken wird bagatellisiert, hat jemand aber wirklich ein Problem damit, ziehen sich die anderen zurück. Alkohol wird als Problem auf eine Randgruppe, im Moment auf die Jugendlichen ausgelagert, damit sich der Rest von uns nicht damit beschäftigen muss. Die für die Gesundheit unbedenkliche Dosis liegt für einen Mann bei zirka 80 bis 100 Gramm pro Woche. Wir müssen aber davon ausgehen, dass durchschnittlich jeder vierte bis fünfte Österreicher mehr als 420 Gramm pro Woche reinen Alkohol zu sich nimmt, das entspricht einer Flasche Wein oder drei Krügeln Bier am Tag. Alkohol ist also wirklich kein Randgruppenproblem. (DER STANDARD, Printausgabe, Stefan Löffler, 25.6.2007)

  • Michael Musalek ist Psychiater und Leiter des Anton-Proksch-Instituts für Alkohol- und Medikamentenabhängige
    foto: derstandard.at/schersch

    Michael Musalek ist Psychiater und Leiter des Anton-Proksch-Instituts für Alkohol- und Medikamentenabhängige

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