Wie sinnvoll ist die Drogenersatztherapie?

30. Jänner 2008, 15:45
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Wolfgang Werner und Hans Haltmayer sind sich einig: Den Kreis­lauf aus Sucht, Be­schaffung und Krimi­nalität zu durch­brechen muss am Behandlungs­beginn stehen

Drogensucht ist eine Krankheit. Viel zu wenige Abhängige werden mit Suchtmitteln auf Rezept behandelt, sagt Hans Haltmayer, Leiter des Ambulatoriums Ganslwirt. Wolfgang Werner vom Psychosozialen Dienst fordert mehr Akzeptanz. Es moderierte Julia Harlfinger.

STANDARD: Es gibt zwei Wege aus der Sucht. Entzug oder die Substitutionstherapie, bei der Drogen kontrolliert durch Medikamente verabreicht werden. Was ist sinnvoller?

Haltmayer: Im Ambulatorium Ganslwirt habe ich in erster Linie mit Patienten zu tun, die sich in der Straßen-Drogenszene befinden und denen es nicht gelingt, durch Entzug abstinent zu werden. Sie nehmen oft mehrere Drogen nebeneinander: Opiate wie Heroin und Morphin, Kokain, Alkohol, Cannabis sowie Beruhigungs- und Schlafmittel.

Was kann man diesen Patienten anbieten, damit sie nicht ins Bodenlose abstürzen? Wie kann man weitere Erkrankungen vermeiden, zum Beispiel die HIV- und Hepatitis-Infektionen? Die Substitutionsbehandlung ist eine Möglichkeit, um den Kreislauf aus Sucht, Beschaffungsdruck und Kriminalität zu unterbrechen.

Werner: Bei der Abhängigkeit von illegalen Drogen besteht sehr stark die Gefahr, aus gesellschaftlichen Zusammenhängen herauszufallen - weil man gezwungen ist, verbotene Substanzen zu kaufen, für die man viel Geld organisieren muss. Die Substitutionsbehandlung ist eine Behandlungsmöglichkeit mit zwei Vorteilen: Einerseits entfällt der Beschaffungsdruck, weil das Suchtmittel in Form eines Medikaments zur Verfügung gestellt wird, andererseits ist der Abhängige in ein Behandlungssetting eingebunden, er geht regelmäßig zum Arzt und Sozialarbeiter. Auch die Psychotherapie ist für viele ein wichtiges Element.

STANDARD: Aber die Abhängigkeit bleibt?

Haltmayer: Richtig, die Suchterkrankung selbst wird in der Substitutionstherapie nicht gestoppt - doch aus dem Konsum illegaler Drogen wird die Einnahme von Medikamenten. Die medizinische Behandlung verändert den Kontext der Sucht.

STANDARD: Warum ist nicht der Bruch mit der Sucht das Ziel?

Haltmayer: Die Annahme, dass eine medizinische Behandlung nur dann Sinn macht, wenn am Ende auch die Heilung steht, ist eindimensional. In vielen Bereichen der Medizin können wir nicht heilen, sondern nur die Beschwerden lindern und ein sinnvolles, würdevolles Leben ermöglichen.

Niemand würde im Bereich der Rheumatherapie den Anspruch stellen, dass degenerierte Gelenke wieder vollständig hergestellt werden müssen. Bei vielen Suchtpatienten verläuft die Krankheit chronisch, und es kommt nie zur Heilung bzw. Abstinenz. Sie brauchen ihr Leben lang Substitutionsmittel.

STANDARD: Für welche Personen ist die Behandlung mit Substitutionsmedikamenten geeignet?

Werner: Mit Substitutionsprogrammen erreicht man Patienten, die bei einer abstinenz-orientierten Therapie zum aktuellen Zeitpunkt nicht mitmachen, zum Beispiel wegen der Schulausbildung oder der Berufsausübung. Bei Schwangeren kann ein Entzug gefährlich für das ungeborene Kind werden. Oft sind es auch Menschen, die langjährig abhängig und schwerkrank sind.

Bei allen kann die Beeinträchtigung im körperlichen, seelischen und sozialen Bereich ganz unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Den typischen Suchtkranken gibt es nicht. Daher sind die Ziele der Therapie ganz unterschiedlich.

Haltmayer: Österreichweit sind rund 10.000 Patienten in Substitutionsbehandlung. Insgesamt haben aber 30.000 Menschen einen problematischen Opiatkonsum - das heißt, zwei Drittel der Abhängigen erreichen wir mit dieser Therapieform noch nicht.

STANDARD: Wann ist Substitution erfolgreich?

Werner: Wenn sich an den Lebensbedingungen wirklich etwas verbessert, zum Beispiel im gesundheitlichen und sozialen Bereich oder in psychischer Hinsicht. Wenn der Patient wieder eine Wohnung und einen Job findet und sich dem Familienleben widmen kann. Wenn er sich aktiver, konstruktiver, ausgeglichener fühlt. Ich sehe durchaus nicht nur die Abstinenz als Behandlungserfolg. Das Leben muss zuerst erfüllend bzw. erträglich genug sein, um später ganz aufhören zu können.

Haltmayer: Viele Abhängige möchten ein normales Leben führen und haben die Nase voll von der Begleitkriminalität, etwa Dealen, Diebstahl und Prostitution. Einige versuchen, sich durch das so genannte Doctor-Hopping Medikamente zu erschwindeln. Drogenabhängig zu sein ist eine Art Fulltimejob.

Eine Distanzierung von der Drogenszene kann ein erstes sinnvolles Ziel der Substitutionstherapie sein. Das nächste Ziel ist eventuell, sich um eine Arbeit zu kümmern. Wenn Arzt oder Apotheke die Suchtkranken mit der täglichen benötigten Medikamentendosis versorgen, werden auf einmal wieder Valenzen frei.

STANDARD: Welche Präparate kommen zum Einsatz?

Haltmayer: Prinzipiell haben wir, was das Angebot betrifft, in Österreich eine gute Situation. Es stehen einige sehr gut wirksame Mittel zur Verfügung: retardiertes Morphin, Buprenorphin und Methadon.

In der Medizin ist man immer froh, wenn man unterschiedliche Präparate mit mehreren Wirkmechanismen und -formen hat, da jeder Patient individuell reagiert. Es ist wichtig, dass man bei Unverträglichkeiten wechseln kann. In Österreich gibt es nur Substitutionsmittel.

Werner: Ich könnte mir schon vorstellen, dass man durch Substitutionsmittel, die intravenös konsumiert werden, auch Patienten erreichen könnte, die jetzt noch nicht in Behandlung sind. Bei vielen Abhängigen ist der Druck zu injizieren sehr groß. Manche spritzen sich sogar das mit Sirup versetzte Methadon, obwohl es zu sehr schmerzhaften Entzündungen an der Einstichstelle kommt.

STANDARD: In der Anfangsphase der Therapie muss die Dosis täglich verabreicht werden. Wie funktioniert das?

Werner: Den Part der Medikamentenausgabe haben dankenswerterweise die Apotheken übernommen. Dort nehmen die Patienten die Substitutionsmittel unter Aufsicht ein. Das funktioniert meist sehr gut. Ich halte es für sehr positiv, dass die Substitution in ganz 'normale' Stellen integriert ist, zu denen auch jeder 'normale' Bürger geht. Das erspart uns Spezialeinrichtungen, die die Integration unter Umständen eher behindern statt fördern.

STANDARD: Was passiert, wenn die substituierten Patienten zusätzlich zu ihren Substitutionsmedikamenten zu illegalen Drogen greifen?

Werner: Das hängt wesentlich von den Zielen der Therapie ab. Wenn ein junges Mädchen, das sich auf die Matura vorbereitet, zusätzlich viele Beruhigungsmittel nimmt, ist das Ziel der ganzen Behandlung stark gefährdet. Bei einem Patienten, der HIV-positiv ist, an Tuberkulose leidet und starke Schmerzen hat, wird man vermutlich mehr tolerieren, ist die Substitution eher Überlebenshilfe. Kritisch wird es, wenn das blanke Überleben gefährdet ist. Manche Patienten konsumieren schon sehr selbstdestruktiv. Dies kann auch zur Beendigung des Programms führen.

STANDARD: Ist man zu nachsichtig mit den Drogenabhängigen, wenn sie sich nicht ans Therapieprogramm halten? Schließlich haben sie durch ihr Verhalten die Sucht selbst ausgelöst.

Werner: Viele Typ-2-Diabetiker sind auch 'selbst schuld' an ihrer Erkrankung, weil sie in der Vergangenheit Ernährungsfehler gemacht haben.

Haltmayer: Es würde aber niemand darauf kommen, einen Patienten aus der Behandlung zu schmeißen, weil er einen Diätfehler begeht.

Werner: Die Sucht hat immer noch eine gewisse Sonderstellung - selbst unter manchen Medizinern. Sie wird moralisch bewertet und nicht als Krankheit akzeptiert.

STANDARD: Umgang mit Drogenabhängigen ist nicht einfach. Sind unsere Mediziner gut dafür ausgebildet?

Haltmayer: Medizinstudenten erwähnen oftmals, dass die Suchtmedizin während Studium und Turnus ein recht geringes Gewicht hat. Abhängige sieht man meist nur, wenn ihre Folgeerkrankungen behandelt werden, zum Beispiel auf chirurgischen oder internen Abteilungen. Dort erlebt man immer wieder, dass Drogenabhängige als Patienten zweiter Klasse behandelt werden. Da braucht es sicherlich noch Verbesserungen in der Aus- und Weiterbildung.

Werner: Ein Grundwissen bietet die Ausbildung schon. Wichtig im Umfang mit Suchtkranken ist vor allem die Erfahrung, beispielsweise bei der Medikamentendosierung, aber auch im Umgang: Wie spricht man mit Drogenkranken? Wie geht man mit den Gefühlen um, die diese Menschen durch ihr freches oder ungewöhnliches Verhalten auslösen können?

Haltmayer: Auch den behandelnden Personen wird nicht selten eine gewisse Verständnislosigkeit entgegengebracht. Selbst in der Psychotherapie gibt es Ressentiments gegenüber Drogenabhängigen. Auch in der Bevölkerung werden Sucht und Abhängigkeit sehr oft nur mit Randständigkeit und Willensschwäche assoziiert.

Doch Ansätze zu süchtigem Verhalten, die mehr oder weniger kontrolliert werden, trägt jeder in sich. Ich sehe die Abwehr gegenüber den suchtkranken Patienten auch als eine Abwehr gegen die eigenen Anlagen.
(Julia Harlfinger/MEDSTANDARD/25.06.2007)

  • Hans Haltmayer (49) ist ärztlicher Leiter des Ambulatoriums Ganslwirt. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Drogenkonsum-assoziierte Erkrankungen sowie Substitutionsbehandlung.

Der Allgemeinmediziner und Psychotherapeut mit eigener Praxis in Wien ist Vizepräsident der Österreichischen Gesellschaft für Arzneimittel gestützte Behandlung von Suchtkrankheit (ÖGABS).

 Das von Haltmayer herausgegebene Buch "Opiatabhängigkeit" erschien 2007. (harl)
    foto: matthias cremer

    Hans Haltmayer (49) ist ärztlicher Leiter des Ambulatoriums Ganslwirt. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Drogenkonsum-assoziierte Erkrankungen sowie Substitutionsbehandlung.

    Der Allgemeinmediziner und Psychotherapeut mit eigener Praxis in Wien ist Vizepräsident der Österreichischen Gesellschaft für Arzneimittel gestützte Behandlung von Suchtkrankheit (ÖGABS).

    Das von Haltmayer herausgegebene Buch "Opiatabhängigkeit" erschien 2007. (harl)

  • Wolfgang Werner (48) leitet ab Juli 2007 den Fachbereich Sucht der Psychosozialen Zentren.

 Der Facharzt für Psychiatrie und Neurologie arbeitete am Aufbau der Drogenambulanz am Psychiatrischen Krankenhaus Baumgartner Höhe mit, wo er zehn Jahre leitender Oberarzt war.

 Neben seiner Tätigkeit in einer psychotherapeutischen Praxis arbeitete er in Qualitätszirkeln der Ärztekammer und leitete einen Arbeitskreis des Fonds Soziales Wien. (harl)

    Wolfgang Werner (48) leitet ab Juli 2007 den Fachbereich Sucht der Psychosozialen Zentren.

    Der Facharzt für Psychiatrie und Neurologie arbeitete am Aufbau der Drogenambulanz am Psychiatrischen Krankenhaus Baumgartner Höhe mit, wo er zehn Jahre leitender Oberarzt war.

    Neben seiner Tätigkeit in einer psychotherapeutischen Praxis arbeitete er in Qualitätszirkeln der Ärztekammer und leitete einen Arbeitskreis des Fonds Soziales Wien. (harl)

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