Khatami im Visier der Konservativen

6. Juli 2007, 09:55
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Aufregung über Handschlag des Expräsidenten mit Frauen

Ein drei Minuten langes Amateurvideo bewirkt im Iran, dass das perpetuierte Chaos um die Benzinrationalisierung, die galoppierende Inflation und all die anderen Ärgernisse, mit denen sich Iraner und Iranerinnen herumschlagen müssen, in der medialen Öffentlichkeit vergessen sind. Alles redet nur von Mohammed Khatami.

Der Film zeigt den früheren iranischen Präsidenten bei seiner Italienreise im Mai im Kreise iranischer Studenten und Studentinnen, die ihn in der Universität begeistert empfangen und ihm dabei die Hand schütteln. Die Konservativen wollen im Film sehen, dass er den Frauen nicht nur die Hand gibt, sondern sie auch gleich beinahe umarmt - nach Auffassung der Konservativen ein unverzeihlicher Akt seitens eines Geistlichen, wobei jedoch auch darüber spekuliert wird, ob das Ganze nicht eine Montage sein könnte. Für seine Gegner aber ist es ein gefundenes Fressen: "Schande! Khatami hat die Ehre der Geistlichkeit verletzt und darf nicht mehr die Ehre besitzen, im Gewand des Geistlichen aufzutreten", verlautet aus Kreisen der konservativen Mullahs in der heiligen Stadt Ghom in einem offenen Brief, den die konser- vative Zeitung Keyhan am Samstag abdruckte. Keyhan schreibt im Leitartikel, dass Khatami eine unverzeihliche Tat begangen hat, die durch nichts zu entschuldigen sei.

Die Erregung hat einen handfesten politischen Hintergrund. Neun Monate vor den Parlamentswahlen sind die Konservativen böse zerstritten - und, so meinen die Reformer, ein gemeinsames Feindbild Khatami könnte nicht unerheblich zur konservativen Einheit und somit zum Wahlsieg beitragen. Khatami ist noch immer sehr beliebt, während sich Präsident Mahmud Ahmadi-Nejad in einem Umfragetief befindet. Wenn sich nichts ändert, könnte es den Parteigängern Ahmadi-Nejads bei den Parlamentswahlen genauso ergehen wie bei den Kommunalwahlen im vergangenen Winter, als beinahe allen der Einzug in die Stadtparlamente verwehrt blieb. Die Reformer dürften angesichts der Stimmungslage tatsächlich gute Chancen haben, im März 2008 die Konservativen zu schlagen. Die Kampagne gegen Khatami soll nun nach Ansicht der Reformer dem Gremium, das die Kandidaten überprüft, die Möglichkeit geben, mit Härte vorzugehen und möglichst viele Reformer von den Wahlen auszuschließen. Sie sollen auch die Beliebtheit Khatamis im Wahlkampf nicht ausnützen können.

Als Reaktion auf die Kampagne meinte Khatami in einem Interview, dass er nicht die geringste Absicht habe, wieder zurück in die Politik zu gehen. In letzter Zeit wurden Stimmen laut, die Khatami aufforderten, in zwei Jahren noch einmal als Präsidentschaftskandidat anzutreten. (Amir Loghmany aus Teheran/DER STANDARD, Printausgabe, 25.6.2007)

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