Konzertante Frühaufsteher

1. Juli 2007, 19:30
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Pat Metheny und Brad Mehldau beschallten das Konzerthaus

Wien - Das geeichte Konzertpublikum weiß: Die erste Nummer des Abends entspricht der 100-tägigen Schonfrist, die neu gewählten Politikern zuweilen gewährt wird. Da sind die Finger noch etwas klamm, der Bühnensound nähert sich oft erst jenem Zustand an, in dem er verdient, als solcher bezeichnet zu werden, die Musizierenden stellen untereinander sowie in Bezug auf Raum und Publikum ihre Antennen auf bestmögliche Sende- und Empfangsfunktion.

Dann und wann freilich stechen Bühnenmenschen ins Ohr, die jene Aufwärmphase einfach überspringen, die in den ersten Momenten schon Intensitäten erreichen, denen das weitere Klanggeschehen nur mehr hinterher schwappen kann. Pat Metheny und Brad Mehldau gerierten sich samstags im Konzerthaus dergestalt als musikalische Frühaufsteher.

Was der 53-jährige Gitarrist und der 37-jährige Pianist, die ihre CDs Metheny Mehldau und Quartet (beide: Nonesuch/Warner) zurzeit im Rahmen einer sechswöchigen Europatournee live präsentieren, eingangs mit des letzteren Eigenkomposition Unrequited und dem Standard The Song Is You vollführten, das war Duokunst allererster Güte: Hochkonzentriert und auf's Essenzielle zurückgenommen, in enger dialogischer Verklammerung auch auf kleinstem motivischen Raum, sezierten die beiden die Substanz ihrer Vorlagen.

Wobei vor allem Mehldau - bemüht, den Klang der Gitarre nicht zu überdecken - darauf bedacht war, im Interaktionsprozess die Grenzen zwischen Solo und Begleitung verschwimmen zu lassen, um der improvisierten Expression gleich zwei simultane Schleusen zu öffnen: Ein vorweggenommener Höhepunkt, mit dem demonstriert wurde, was Kommunikation in der improvisierten Musik bedeuten kann - und vielleicht auch bedeuten sollte.

Nicht, dass in der Folge das große Gähnen angesagt gewesen wäre. Niveauvolle Routine indessen schon. Gefahrlos sprudelnde Hochglanz-Tonkaskaden, vom Kollegen jeweils brav begleitet, ab der fünften Nummer zudem von Mehldaus virtuosen Trio-Kombattanten Larry Grenadier (Bass) und Jeff Ballard (Schlagzeug) mit federndem rhythmischem Drive unterstützt, waren da zu hören, vor allem vom Pianisten, der dem Jazz-Trio-Genre in den 1990er-Jahren neues Leben eingehaucht hat, auch nachdenklichere Nettigkeiten. Beinahe noch stärker im Gedächtnis haften geblieben sind die Fortschritte, die Conferencier Mehldau, der Fan deutscher Literatur und Philosophie, der seinen Verlag "Werther Music" genannt hat, in Bezug auf seine Sprachkenntnisse gemacht hat.

Erwähnenswert auch die Live-Erprobung eines eigens für Pat Metheny konstruierten, 42-saitigen Gitarren-Ungetüms mit harfenartigem, leicht blechernem Klang in "The Sound of Water".

Allein: Das Attribut "spektakulär" war an diesem Abend freilich schon anderweitig besetzt. (Andreas Felber / DER STANDARD, Printausgabe, 25.6.2007)

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