Wienverkostung eines "Funny Girl"

1. Juli 2007, 19:30
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Im Openair-Ambiente von Schloss Schönbrunn zelebrierte die immer noch samtstimmige Barbra Streisand die hohe Kunst der gepflegten Routine: Zeit für eine "Kaiserkrainer"!

Wien - Wäre man gerne dabei gewesen - bei ihrem Bestellen einer "Kaiserkrainer" - "oder wie sagt ihr hier? Käsekrainer! aha!" Andererseits. Konditionell hätte uns das womöglich überfordert. Schließlich ist aus den Ausführungen von Barbra Streisand heraus zu hören, dass sie auf Reisen gehörigen Appetit auf die gerade besuchte Stadt entwickelt. Neben Besichtigungen sei ihr das Probieren lokaler Küche am liebsten. Tafelspitz. Schnitzerl. Eis am Schwedenplatz ...

Man erfährt solches in den songfreien Inseln ihres ersten Wien-Konzerts. Sie sind für die multibegabte Künstlerin dienlich, wenn sie professionell locker ein bisschen Privatheit samt Selbstironie herbeizuzaubern gedenkt. Da macht sie sich über ihr spärliches kompositorisches Schaffen lustig, verklimpert am Klavier eines ihrer Liedchen. Dort bittet sie vier Andrea-Bocelli-Klone auf die Bühne, um sich von deren Komplimenten, die indirekt ihr Alter (65) ansprechen, von der Bühne wegnerven zu lassen. "Ich gehe jetzt besser und bestelle mir eine Käsekrainer", und weg war sie.

In einem etwas anders geformten Schwarz kehrt sie wieder, bekennt auch, dass Hass in dieser Welt nichts Gutes bewirkt, und singt aus der West Side Story. Da war man schon ziemlich nahe am Finale, und Streisand schien etwas gefestigt, was man zunächst ja nicht so behaupten konnte.

Klar, es gibt Angebot und Nachfrage. Manches lässt sich damit regeln. Insofern sind die Kartenpreise bis über 2000 Euro fast logisch. Da gibt es aber ein Preis-Leistungs-Verhältnis. Dieses betreffend muss man erwähnen, dass die besser gewordenen, aber für das Gelingen von Openair-Abenden doch noch recht hinderlichen Rahmenbedingungen deutlich zeigten, dass eine solche popklassische Performance an der Schönbrunner Größenordnung leiden muss.

Auf großen Bildschirmen sieht man es. Streisand fühlt sich nicht wohl, das blonde Haar schlägt ins Gesicht, als wäre sie zu nahe an eine Windmaschine geraten. Maestro, liebes Blechorchester, wir haben ein Problem. Es spricht allerdings für Streisands Qualität, dass sie den Abend solide durchbringt. Dass sie ihr Greatest-Hits-Programm, zwischen "People", "Funny Girl" und "The Way we were", routiniert ins fast Trockene rettet.

Besondere Tiefe hatten ihre Songinterpretationen ja nie. Sie leben vom Schöngesang. Hier parlieren Pop und Musical im Geiste des delikaten Pathos. Nach wie vor ist in den hohen Registern jene samtige Unverwechselbarkeit präsent, die Millionen bringt. Nur diesfalls mit Momenten der Unsicherheit, der Heiserkeit. So wird der Abend ein Beispiel für die Kunst der übergangenen Nuance. Falls es ein nächstes Mal gibt, dann bitte indoor. Dann mögen die Programme wieder 35 Euro kosten. Alles ja für die Foundation, alles für den guten Zweck. (Ljubisa Tosic/ DER STANDARD, Printausgabe, 25.6.2007)

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    Im Kampf mit den Unbilden der Witterung vor Schloss Schönbrunn: Ein Weltstar namens Streisand beehrt zum ersten Mal Wien.

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