
Peter Sandbichlers "Floating Maze" beim Festival der Regionen: ein Kampf mit den Unweg/wägbarkeiten.
"SIE TRINKEN ZU VIEL. SIE BRAUCHEN KEINE MENSCHEN. SIE SPIELEN GUT FUSSBALL." Micheldorf an der B 138, der Pyhrnpass-Bundesstraße. Zwischen Industriebauten, Einfamilienhäusern und Supermärkten machen sich auf Plakatwänden denkwürdige Bewertungen breit. "SIE SIND ALLE UNTERWEGS." Wer sind Sie ...?
Diese Intervention der kroatischen Künstlerin Nika Radic ist eine von vielen Arbeiten beim oberösterreichischen Festival der Regionen, durch die sich der Blick aufs Gewohnte eigentümlich verwirrt. Was ist fremd, was künstlich, was erzählt wovon entlang der B 138?
Einmal mehr hat man bei dem alle zwei Jahre stattfindenden Festival einen gut 30 km langen Parcours gefunden, entlang dessen - so Kurator Martin Fritz - "drängenden Fragen der Zeit" nachgegangen und -gefahren werden will: Von Schlierbach über Kirchdorf, Micheldorf, Klaus, St. Pankraz bis hinauf nach Windischgarsten, windet sich, wie eine zunehmend überflüssige Begleiterin der Pyhrnautobahn, die Bundesstraße.
Nicht selten will es, wenn man entlang der Straße nach Hinweisen auf Festivalbeiträge sucht, scheinen, als ob gerade die Häuser, Parkplätze und Abwege, die immer schon da waren, mehr über "die Zeit" erzählen als die Kunstwerke, die Fritz versammelt. Ein Beispiel: In einem der ersten, mittlerweile abgetakelten Einkaufszentren in Kirchdorf, hat man sich wie in einer Kunsthalle der dritten Art eingerichtet: Die Künstlerin Johanna Kirsch zeigt ein Video und Notizbücher darüber, wie sie sich mehrere Tage lang durch unwegsames Gelände bewegte, auf einer Direttissima, die von "Eigenermächtigung" erzählen soll.
Das klingt unter dem schiefen Titel "Den Weg brechen als Konzept" wie ein Remake der ORF-"Expedition Österreich" und ist filmisch aber nur mäßig ergiebig. Dasselbe gilt für Local SciFi: "Zurück mit der Zukunft!" Ralo Mayer und Philipp Haupt versuchen, sich die Zukunft des Kremstales als mit Computergames, Joint-Venture-Visionen und Gewerbeparks angereicherte Globalisierungsparodie zu denken. Überzeugen kann die etwas dilettantische Videoinstallation, durch die Hermann Scheidleder als Reiseleiter führt, nur bedingt.
Der radikalste Raum im Einkaufszentrum zu Kirchdorf war einer, der nicht zum Festival der Regionen gehörte. Ein Wettbüro mit für Außenstehende undurchdringlichen Zahlenprojektionen, in dem sich enigmatische Herren über die Ausgänge von Hunde- und Pferderennen verständigen: Experten unter sich, die man so schnell nicht vergessen wird. Schnitt.
Doppelt sichtbar
Aber es gibt auch wirklich überzeugende Momente bei diesem Festival. "Fensterkreuz" nennt sich eine Ausstellung (im Kulturhaus Römerfeld, Windischgarsten), die ein denkwürdiges Ansinnen des Drechslers und Bildhauers Werner Rumplmayr dokumentiert: 1933 hatte eine Gruppe von Bergsteigern eine Steilwand über dem Ort mit einem riesigen Hakenkreuz verziert. In darauf folgenden amtlichen Briefwechseln wird von einer Zeit erzählt, in der Nazis mitunter mit "Intellektuellen" verwechselt wurden, und in der gleichzeitig Widerstand noch denkbar war. Das Hakenkreuz, das mit Kalk übermalt wurde, blieb gerade durch die Übermalung doppelt sichtbar.
Rumplmayr stellte nun den Antrag an die Nationalparkbehörde, besagte Stelle in der Wand mit einem riesigen Fensterkreuz zieren zu wollen. Der Antrag wurde abgewiesen. Dies hat jedoch eine anonyme "Gruppe engagierter Windischgarstner" nicht davon abgehalten, die Aktion dennoch zu wagen. Auf einem Video sieht man Kletterer, exponiert im Kampf mit einer riesigen Folie, die sich langsam über Fels und Vergangenheit legt.
Ebenfalls großartig: "Kerbl Ges.m.b.h.'s", eine Hör- und Grafikinstallation auf der Raststation St. Pankraz, gestaltet von Michael Hieslmayr, Marusa Sagadin und Michael Zinganel. Sie erzählt in einem landkartenähnlichen Arrangement von Sitzbänken und Lautsprechern die Geschichte einer Familie, die mit gastronomischen Betrieben die Höhen und Tiefen wirtschaftlicher Entwicklungen im Tal durchlebte.
Zum Selbstversuch lädt Peter Sandbichler mit "Floating Maze" am Elisabethsee ein. Ein schwankendes Labyrinth aus Flößen gilt es zu überwandern. Das hat auf den ersten Blick etwas von einer Praterattraktion. Wenn man aber die Menschen beobachtet, die da, erst skeptisch, dann zunehmend sicherer, den Kampf mit den Unweg/wägbarkeiten aufnehmen, sieht man die Komplexität hinter scheinbar simplen Bewegungen. Manchmal reichen sich die Menschen einfach die Hand, wenn sie nicht mehr weiterkönnen.
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