Gipfelstürmerin am Höhepunkt ihrer Macht

11. Juli 2007, 09:11
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Nach der "Rettung der EU" warten auf Angela Merkel nun wieder die Mühen der Ebene deutscher Innenpolitik - Kopf des Tages

Sogar Kurt Beck musste ihr Respekt zollen. Als "guten Tag für Europa" lobte der SPD-Vorsitzende das Brüsseler Ergebnis. Leicht ist ihm das nicht gefallen. Denn während er von einem Umfragetief zum nächsten stolpert, ist Angela Merkel Superstar. Wieder einmal hat die deutsche Kanzlerin mit eisernem Willen einen Gipfel gerettet und so lange verhandelt, taktiert und laviert, bis alle einigermaßen zufrieden auseinander gehen konnten.

Als "Miss World" wird Merkel gefeiert und als "Madame Europe" tituliert. Der Grundstein für dieses Gefühl, das Unmögliche möglich machen zu können, stammt jedoch noch aus früheren Tagen in der DDR. Immer wieder hat Merkel erzählt, wie ungemein prägend der Fall der Berliner Mauer im November 1989 für sie gewesen ist. "Wir gehen Austern essen ins Kempinski, wenn die Mauer fällt", hatte es jahrelang in ihrer Familie geheißen. So, wie man von der Weltreise im Falle eines Lottogewinns träumt - der dann ja doch nie eintritt.

Und dann war plötzlich noch sehr viel mehr möglich als Austernessen im Kempinski: Eine der atemberaubendsten Karrieren Deutschlands. Nicht nur, weil die Attribute "Frau, Protestantin, Ostdeutsche" in der Union noch vor zwei Jahren mit einer Kanzlerschaft eigentlich unvereinbar erschienen. Sondern auch, weil Merkel diese Entwicklung vom politischen Nobody bis zu einer der mächtigsten Frauen der Welt in nur 15 Jahren nahm. Andere sind in 30 Jahren nicht halb so weit gekommen. "Sie wurde immer unterschätzt. Sie wusste immer um den nächsten Schritt und ist den dann konsequent gegangen", beschreibt ihr Biograf, der deutsche Politologe Gerd Langguth, den Weg von Helmut Kohls ehemaligem "Mädchen", dessen West-Karriere 1990 als Frauenministerin begann.

Anders als ihr Vorgänger Gerhard Schröder hat Merkel jedoch nie am Zaun des Bonner Kanzleramtes gerüttelt und "ich will da rein" gebrüllt, sondern biss sich durch die Hintertüre ins Innerste der Macht. Dass sie als deutsche Kanzlerin bald das prestigeträchtige Feld der Außenpolitik für sich entdeckte und die Weltbühne mehr genießt als das Berliner Podium, hat (fast schon paradox) mit ihrem größten Triumph zu tun: Die heute 52-Jährige wurde am 22. November 2005 zwar zur ersten deutschen Kanzlerin gewählt - aber nicht von ihrer Wunschkoalition.

Anstatt eine Regierung mit der FDP zu führen, muss sie sich mit der weit weniger geschätzten SPD herumschlagen. Anders als US-Präsident George W. Bush finden die Roten Merkel nicht "very smart", sondern oft zu zögerlich und wankelmütig. Und das werden sie die Kanzlerin in nächster Zeit deutlich spüren lassen. Denn nun ist es vorbei mit den Gipfeln. Jetzt warten wieder die Mühen der Ebene. (Birgit Baumann/DER STANDARD, Printausgabe, 25.6.2007)

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    Die deutsche Kanzlerin und Ratspräsidentin Angela Merkel rettet den EU-Gipel.

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