Der Kanzler ganz anders

Irgendetwas stimmt da nicht zusammen in der öffentlichen Wahrnehmung in Bezug auf Gusenbauers Substanz

Seit der Regierungsbildung vor fünf Monaten wird Alfred Gusenbauer quer durch alle Lager und Medien oft als schwache Nummer, als "Umfaller", fast als Problemfall für die SPÖ beschrieben. In Umfragen zur Politikerbeliebteit liegt der Bundeskanzler im hinteren Feld. In vielen Internetforen wird er als Parvenu oder "Verräter" regelrecht verspottet.

Vollkommen anders - diametral entgegengesetzt - ist das Bild, das der Kanzler beim EU-Reformgipfel in Brüssel abgab: Er wurde als kompetenter und seriöser Auskunftgeber in internationalen Medien ausführlich zitiert; Gusenbauer als Dauergast im Zweiten Deutschen Fernsehen; Gusenbauer von der deutschen Kanzlerin Angela Merkel (mit dem erfahrensten europäischen Politiker, Luxemburgs Jean-Claude Juncker) als erfolgreicher Vermittler zwischen den Streithähnen gezielt eingesetzt; ein Sozialdemokrat, der Tony Blair wegen dessen Destruktivität attackiert, aber voll des Lobes ist für den konstruktiven (und konservativen) französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy. In Interviews trat er locker, entschlossen, aufgeräumt, als vielsprachiger echter Europakenner auf.

Irgendetwas stimmt da nicht zusammen in der öffentlichen Wahrnehmung in Bezug auf Gusenbauers Substanz. Wenn die Anzeichen nicht trügen, ist der Kanzler gerade dabei, sich innerlich zu befreien, massiv an politischem Gewicht zuzulegen. Sein Zuschnitt: Kein TV-Charismatiker à la Gerhard Schröder, eher ein "Steher" wie Helmut Kohl (zu Amtsantritt als "Birne" verhöhnt), einer, der sich durch noch so widrige Umstände und Anfeindungen nicht beirren lässt, bis es den Kompromiss gibt.

Sein Koalitionspartner ÖVP will das nicht wahrhaben. Der pflegt nach wie vor nur das simple Image vom "Gusi", der es nicht kann. Das könnte sich als folgenschwerer Irrtum erweisen. Jemand, der dauernd krass unterschätzt wird, bei dem schlägt das Erscheinungsbild auf längere Sicht leicht um. Im Erfolgsfall sagen die Leute dann: So schlecht ist der ja gar nicht. (Thomas Mayer/DER STANDARD, Printausgabe, 25.6.2007)

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