Ein solider documenta-Rahmenbau

25. Juni 2007, 17:00
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Es gibt in Kassel auch ein (Kultur-)Leben abseits der Weltkunstschau

"Diese siedlung von karteileichen nennt sich stadt der künste, mischt die trostlosen ergebnisse ihrer lebenspläne periodisch mit rechtfertigungsaktivitäten auf, wirft die üblichen wohneinheiten auf das übliche arbeiterelend ab, reizt bis zum ladeninhabernobelviertel, sticht die sogenannte city mit einer fußgängerzone ... und trumpft daselbst konvulsivisch mit dem geistigen."

Oswald Wiener hat das 1977 als Gedanken bei der documenta 6 notiert. Das war jene Kasseler Weltkunstschau, bei der Joseph Beuys seine Honigpumpe installiert hat und Nam June Paik seinen Videodschungel; und - bis heute das Stadtbild prägend, und einen speziellen Blick auf Kassel vorgebend - die Künstlergruppe Haus-Rucker-Co Kassel einen Rahmenbau verpasst hat. Unter Rahmenbau muss man sich eine Variation auf die gemeine Aussichtsplattform vorstellen, bloß hängt ein monumentaler Stahlrahmen unmittelbar im Blickfeld. Das nach dem Krieg wieder aufgebaute Fridericianum im Rücken, schlagen Haus-Rucker-Co den Blick auf die tiefer gelegene Orangerie vor, lenken den Betrachter weg von der bis heute tristen Fußgän- gerzonen-samt-Kaufhof-und-Hertie-Architektur hin zur Karlsaue und zu den landgräflichen Gärten, einer der schönsten innerstädtischen Parkanlagen Europas mit dem Bergpark und Schloss Wilhelmshöhe, der Löwenburg, dem Herkules. Schloss Wilhelmshöhe beherbergt eine gute Kollektion an Altmeistergemälden: Das sind Hauptwerke von Rembrandt (Der Segen Jakobs, Bildnis der Saskia van Uylenburgh), Frans Hals (Der Mann mit dem Schlapphut), Rubens (Der Triumph des Siegers) und Jacob Jordaens (Das Bohnenfest).

Die Neue Galerie führt weiter mit Kunst des 18. Jahrhunderts, mit Werken der Malerfamilie Tischbein, und da vor allem zu Johann Heinrich Tischbein d. Ä. (1722-1789), der Maler am hessischen Hof und erster Direktor der 1777 gegründeten Kasseler Kunstakademie war. Die Malerei des 19. Jahrhunderts reicht von Romantik und Biedermeier über die Nazarener bis zum Realismus bzw. Naturalismus (Caspar David Friedrich, Ludwig Emil Grimm, Ferdinand Waldmüller).

Ritterpartyburg

Die Löwenburg liegt malerisch im Bergpark Wilhelmshöhe. Von Weitem erscheint sie wie eine Ritterburg. Das war von ihrem Erbauer, Landgraf Wilhelm IX. von Hessen-Kassel, dem späteren Kurfürsten Wilhelm I., auch so intendiert: Ein Lustplätzchen wollte er haben, einen damals zeitgemäßen Partyraum zum Abhängen vom anstrengenden Regieren im ausklingenden 18. Jahrhundert. Leider nur zum Anschauen ist das fürstliche Marmorbad in der Orangerie, aktiv baden lässt es sich aber nach dem Stress mit den Alten Meistern und den je aktuellen zu documenta-Zeiten im Kurbezirk Bad-Wilhelmshöhe. Schon der Leibarzt Bismarcks fand diesen "pro Atemzug einen Taler wert".

Was es nur in Kassel gibt, nennt sich Kulturbahnhof und ist eigentlich ein Abfallprodukt der Beschleunigung auf der Schiene. Die Einführung der ICE-Garnituren hätte die Dimension des alten Hauptbahnhofes (ein Stilmix aus Spätklassizismus und 50er-Jahre-Charme) gesprengt. Und also wurde den ICEs ein eigener Bahnhof gebaut, die Freiflächen im alten Gebäude der Kultur überantwortet.

Dort finden sich unter anderem das KAZ, Kasseler Architekturzentrum, die Studios des Offenen Kanals Kassel (ein Bürgerfernsehen zum Mitmachen) und die Caricatura ein Schauplatz für "komische Kunst" vom Cartoon bis zur launigen Lesung. Aus den ehemaligen Warteräumen wurden Galerien und Seminarräume. Ein Kino gibt es auch. Und für Regionalzüge ist der Hauptbahnhof immer noch erste Anlaufstelle. Und - ganz wichtig - das Gleis 1 ist Restaurant, Bar und Club in einem und bietet noch dazu einen überdachten Biergarten. Vielleicht hat ja Oswald Wieners Tochter Sarah mit ihrem kulinarischen Aufklärungsfeldzug auch in Kassel Spuren hinterlassen. Man isst gut im Gleis 1 und kann kaffeehausgleich Stunden rumsitzen. (Markus Mittringer/Der Standard/Printausgabe/23./24.6.2007)

Anreise: etwa mit Air Berlin nach Frankfurt oder Hannover und weiter mit dem ICE in rund einer Stunde nach Kassel.

Info: Tourismusverband Kassel
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    Schöne Aussichten auf das Wahrzeichen von Kassel - den Herkules.

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    Die Löwenburg liegt malerisch im Bergpark Wilhelmshöhe.

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